Globalisierung frisst arme Mädchen

7. März 2006, 19:12
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Während sie der gebildeten Frau in den reichen Ländern Chancen eröffnet, verschlechtert sie die ohnehin schwierige Lage armer Frauen in Entwicklungsländern

Bei einer Konferenz in New York Mitte Februar, abgehalten von der Weltbank, wurde Alarm geschlagen: Jahr für Jahr treten mehr als sechs Millionen Mädchen erst gar nicht in eine Schule ein. Von den 150 Millionen Kindern, die keine Schulbildung bekommen, sind 90 Millionen Mädchen. Das Millenniumsziel der Vereinten Nationen, bis zum Jahr 2015 Armut und Hunger zu reduzieren, würde damit klar verfehlt.

Die Gründe, warum noch weniger Mädchen Schulen besuchen, eine höhere Drop-out-Rate aufweisen und weniger oft weiterführende Schulen besuchen als Buben, sind vielfältig und haben weiterhin mit Unterdrückung und geringerer Wertschätzung in manchen Gesellschaften zu tun. Als relativ neue Entwicklung kommt die Globalisierung dazu: Während die Mütter in den für den Export produzierenden Fabriken zur Arbeit gehen, müssen ihre Mädchen die Schule verlassen, um zu Hause an Stelle der Mutter den Haushalt zu führen.

Jobsuche

Auch der nicht unbeträchtliche Sog, den die Industriestaaten auf Arbeitskräfte ausüben, fügt sich in dieses Bild. Die Hälfte derer, die auf der Suche nach Arbeit in den Westen kommen, sind weiblich. Ihre minderjährigen Töchter kümmern sich ums Familienwohl. Jeder zehnte Bürger aus Sri Lanka arbeitet mittlerweile im Ausland, die meisten davon sind Frauen. Ungefähr jedes dritte Kind auf den Philippinen - rund acht Millionen - lebt in Familien, in denen mindestens ein Elternteil ausgewandert ist. PolitologInnen sagen, es ist ein typisches Phänomen von Zentrum und Peripherie, auch ein Teil der Globalisierung.

Die Zahlen, die bei der Weltbank-Konferenz vorgestellt wurden, sprechen für sich: In den meisten Entwicklungsländern gibt es ein steigendes Ungleichgewicht bei Schulabschlüssen. Und die Schere geht umso mehr auf, je höher die Schulstufe ist. Der zuständige Vizepräsident der Weltbank, Danny Leipziger, meinte deshalb, dass die Auswirkungen auf Frauen/Mädchen bei jedem einzelnen Entwicklungshilfeprojekt untersucht werden müsse.

NGOs, Non Governmental Organisations, die ja grundsätzlich keine Freunde der Globalisierung sind, erklären sowieso, dass diese auch der Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern in den armen Ländern keinen guten Dienst getan hat. Der Wiener Verein für Frauensolidarität etwa versucht, Konzerne, die Fabriken aufbauen, zu einem Verhaltenskodex zu animieren und sich einem "externen Monitoring" zu unterwerfen, wie es etwa die niederländische Fareware-Organisation durchführt. Mitgemacht haben etwa Jeanshersteller wie Gsus oder O'Neill. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print, 8.3.2006)

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    Ohne Begleitmaßnahmen droht die steigende Erwerbsquote bei Frauen in der Dritten Welt abrupt abzubrechen.
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