Verrückt-surreale Streifzüge durchs 20. Jahrhundert

14. März 2006, 20:20
1 Posting

Die Leidenschaft des Sammlerpaars Ulla und Heiner Pietzsch für die Welt des Fantastischen und Poetischen

... eingefangen vom BA-CA Kunstforum in der Ausstellung "Verrückte Liebe. Von Dali bis Francis Bacon"

***

Wien - In der EU sind es 15 Prozent, in Österreich gleich 17 Prozent, die Frauen weniger als Männer verdienen. Das verlautbaren die Medien, und das erzählen auch Ausstellungshäuser. Zumindest wenn sie am Internationalen Frauentag eine Ausstellung eröffnen und obendrein - sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit - den Besucherinnen einen Nachlass in der Höhe ebendieser prozentuellen Unfairness gewähren. Toll.

17 Prozent ausgestellte Künstlerinnen in der Ausstellung wären auch nicht so schlecht gewesen. Geht aber nicht. Denn im BA-CA Kunstforum sind derzeit viele Surrealisten zu Gast. Und die Gruppe um André Breton, ihrem wichtigsten Theoretiker, ist nicht gerade dafür bekannt, in Frauen gleichberechtigte Künstler zu vermuten: Muse, Fetisch, Medium. Aus. Viel mehr war da nicht. Muckte eine auf oder wurde zu eigenständig, war sie aus dem erlauchten Kreis auch schon wieder draußen.

Machtverhältnisse der Gesellschaft hinterfragen? Ja, schon. Aber die Devise der Surrealisten lautete dabei: Männersache. "Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen", offenbarte André Breton im ersten surrealistischen Manifest 1924 diesen zutiefst männlichen Gestus.

Dennoch versammelt "Verrückte Liebe. Von Dali bis Francis Bacon" einige weibliche Blickfänge: Leonora Carrington, Frida Kahlo, Tamara de Lempicka, Dorothea Tanning und als zeitgenössische Position Rebecca Horn. Ulla Pietzsch "begeistert Kunst von Frauen", Ehemann Heiner haben es die Abstrakten Expressionisten, Jackson Pollock, Arshile Gorky, Robert Motherwell, besonders angetan.

Kein enges Korsett

Die entflammte "amour fou" für den surrealen Geist blieb in der Kollektion des Sammlerpaars also nicht starr auf den engeren Kern der Surrealisten beschränkt. Ihre verrückte Liebe, obgleich sie - ganz nach André Breton - als unumschränkte Herrscherin der Sammlung wirkt, bewegt sich angefangen beim Pariser Kreis der 1920er frei durch das 20. Jahrhundert, verfolgt die Strömung von Europa nach Amerika und zurück, historisch nachvollziehbar, ohne sich in ein entwicklungsgeschichtliches Korsett zu zwängen.

Der daraus resultierende Stilpluralismus erweist sich in den mehr als 100 Exponaten der Ausstellung erstaunlich organisch, und die Werke sind hie und da spannungsreich miteinander kombiniert. "Bilder haben ihren eigenen Willen, die wollen wissen, neben wem sie hängen", erklärt Heiner Pietzsch die Hängung im eigenen Berliner Privathaus, dessen Renovierung sich positiv auf den Wien-Ausflug ihrer Kunstschätze auswirkte.

So eine reizvolle Bildnachbarschaft ist dann zum Beispiel Max Ernst grünes drachenartiges Ungeheuer "Der Kopf des ,Hausengels'", der schräg zu den knapp vierzig Jahre späteren "Studien des menschlichen Körpers" von Francis Bacon hinüberschielt. Und gleich daneben liebäugelt Picassos "Abstrakte Frau" von 1931 schelmisch mit Ernsts "Allerschönster" Skulptur (1967/ 98). Wunderbar erscheint da auch die Kombination von Rebecca Horns poetischen Apparaturen wie etwa "Die Schmetterlingsschaukel" (1996), die an der Seite eines Joan Miró sachte ihre mechanisch angetriebenen, aber umso zerbrechlicheren königsblauen Flügel hebt und senkt. Etwas eingezwängt wirkt allerdings Max Ernst zentrale Skulpturengruppe "Capricorn".

Werke von Ernst sind Fixpunkte in allen Räumen der Ausstellung, nimmt der Künstler doch eine markante Position in ihrer Sammlung ein - erst recht, seit die Pietzschs dem Künstler 1972 persönlich begegneten.

Über eine Begegnung mit Ernst stieß 1938 die Engländerin Leonora Carrington zum Zirkel der Pariser Surrealisten. Ihre kleinteiligen, geheimnisvollen Arbeiten verknüpfen Mythisches aus der englischen Heimat mit Sagen und Legenden ihres späteren Gastlandes Mexiko. "Laufen Sie, meine Damen, ein Mann ist im Rosengarten" heißt eines ihrer Werke. Rette sich, wer kann? (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2006)

Bis 18. Juni
  • "Der Kopf des ,Hausengels'" ist laut Max Ernst der "Titel für eine Art Trampeltier, das alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet".
    foto: sammlung pietzsch, © vbk

    "Der Kopf des ,Hausengels'" ist laut Max Ernst der "Titel für eine Art Trampeltier, das alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet".

Share if you care.