Jesu Wiederkehr als Spektakelgespenst

13. März 2006, 20:45
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Arthur Millers letztes Stück in London

War es nicht doch so etwas wie eine Uraufführung? Bereits 2002 erlebte eine erste Fassung von Arthur Millers Stück Resurrection Blues seine Uraufführung in Minneapolis. Doch der große Meister des amerikanischen Nachkriegsdramas (Tod eines Handlungsreisenden, 1949; Hexenjagd, 1953), schon zu Lebzeiten ein moderner Klassiker, arbeitete bis kurz vor seinem Tod am 10. Februar 2005 an einer Neufassung.

Somit war die europäische Erstaufführung des Stücks am Londoner Old Vic Theatre durch Hollywood-Altmeister Robert Altman zugleich auch die Uraufführung der Neufassung. Der Stoff des Dramas ist schwer gewichtig: Im Kern versucht Miller nichts anderes, als die Kreuzigung Jesu - in die heutige Zeit transferiert - zu paraphrasieren und Fragen nach der Relevanz und Gültigkeit einer modernen Jesusfigur zu stellen.

Eine im Werk Millers nicht gänzlich überraschende Themenwahl: Mit Die Erschaffung der Welt (1972) hatte er sich bereits der alttestamentarischen Schöpfungsgeschichte gestellt. Die erste Hälfte von Millers Auferstehungs-Blues kommt als bitterböse Mediensatire daher: Schauplatz ist eine fiktive Bananenrepublik in Südamerika. Der totalitäre Militärherrscher General Felix Barriaux lässt sein Land verrotten, während er sich aus Furcht vor Putschisten wechselnde Quartiere in den Bergen sucht.

Ein von der armen Bevölkerung des Landes wie ein Heiliger verehrter Rebellenführer ist Barriaux' Schergen in die Hände gefallen und soll vor Anden-Kulisse gekreuzigt werden. Für die Übertragungsrechte der peinvollen Hinrichtung soll eine US-Agentur 75 Millionen Dollar zahlen, finanziert durch Werbeunterbrechungen.

Bühnenbildner Robin Wagner hat für die Inszenierung von Robert Altman, diesjähriger Empfänger des Ehren-Oscars für sein filmisches Lebenswerk, ein Cinemascope-Bühnenbild geschaffen: ein verwinkelter, fortartiger Bühnenaufbau vor monumentaler Bergkulisse, die immer wieder im Dunst verschwindet.

Über die opulente Bebilderung hinaus versucht Altman, dem Stück mit Tempo und Ironie Rhythmus und Witz zu verleihen. Er interessiert sich weit mehr für die Mediensatire als für die nagenden Glaubensfragen des zweiten Teils: Der jovial-zynische Ton von Maximilian Schell als General Barriaux macht die Figur mehr zur Diktatorenkarikatur denn zum Pontius-Pilatus-Zitat.

Lauter Pharisäer

Das Fernsehteam ist mit Produzent und Regisseurin angereist: Altman-Schauspieler Matthew Modine gibt den Produzenten Cheeseboro, einen verblendeten Pharisäer des Kommerzes, der noch auf der Kreuzigung besteht, als längst klar ist, dass der charismatische Rebell auf wundersame Weise entwichen ist.

Jane Adams spielt demgegenüber eine Art Maria Magdalena der Werbung, die dem Appeal des Altdiktators erliegt und letztlich nicht nur sich selbst, sondern auch den General von der Göttlichkeit des Rebellen überzeugt: Immerhin hilft dieser einer Rollstuhlfahrerin auf die Beine. Die Zuschauer sehen von diesem modernen Erlöser allerdings nicht mehr als einen hellen Lichtschein, bevor er die Ansammlung konsternierter Jünger hinter sich lässt.

Altman macht das schwierige Alterswerk Millers durch die Betonung der Satire gut verdaulich, kann aber nicht verhindern, dass das mysteriöse Ende des Stücks hier mehr als kryptisch wirkt. Ob das Stück damit in seiner Tiefe ausgelotet ist, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2006)

Von Rolf C. Hemke aus London
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