Von der Utopie des Normalen

8. März 2006, 20:38
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2030 könnte die Gleichberechtigung der Frauen weltweit verwirklicht sein: Petra Stuiber trank zur Feier des Weltfrauentages Sekt und versuchte sich an einer optimistischen Analyse

Immerhin: 2030 könnte die Gleichberechtigung der Frauen weltweit verwirklicht sein. Wenn die UNO ihre Resolutionen durchsetzt. Wenn Staaten tun, wozu sie sich verpflichtet haben. Und wenn Milliarden von Frauen endlich dabei unterstützt werden, sich selbst zu helfen. Petra Stuiber trank zur Feier des Weltfrauentages Sekt und versuchte sich an einer optimistischen Analyse.

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Seien wir zum Frauentag doch einmal optimistisch. Genehmigen wir uns ein Gläschen Sekt (schließlich ist nur einmal im Jahr Frauentag), und nehmen wir an, dass 2030 endlich alles "normal" sein wird. Nicht "optimal" - wir sind weder Träumerinnen noch betrunken. Einfach so "normal", dass

  • die Machtgleichstellung der Frau und ihre gleichberechtigte Teilhabe an allen Bereichen der Gesellschaft für Weltfrieden und Entwicklung von grundlegender Bedeutung ist;
  • die Rechte der Frau überall Menschenrechte sind;
  • gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleicher Zugang zu Ressourcen, die gleiche Verteilung der Familienaufgaben und die Partnerschaft von Mann und Frau für ihr Wohl und das Wohl ihrer Familie sowie für die Konsolidierung der Demokratie von maßgeblicher Bedeutung sind;
  • die volle, gleichberechtigte Einbeziehung der Frau in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Voraussetzung für die Beseitigung der weltweiten Armut und Wirtschaftswachstum ist;
  • Frauen grundsätzlich das Recht haben, über ihre Gesundheit und ihre Fruchtbarkeit selbst zu bestimmen.

    So steht es zumindest in der "Erklärung von Peking", die zum Abschluss der 4. Weltfrauenkonferenz schon 1995 verabschiedet wurde.

    Mittlerweile hat sich einiges verändert - zum Guten wie zum Schlechten. UN-Generalsekretär Kofi Annan hob im Vorjahr, bei der 49. Tagung der Frauenstatuskonferenz in New York, lobend hervor, dass vor allem die Genitalverstümmelung und die Witwenverbrennung weltweit zurückgedrängt wurden. Dem steht gegenüber, dass insgesamt Gewalt gegen Frauen zugenommen hat. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration werden pro Jahr etwa 500.000 Menschen, die große Mehrheit davon Frauen, allein über die Grenzen Europas als "Ware" gehandelt. In Südasien sterben jedes Jahr etwa eine Million Mädchen: Weibliche Föten werden abgetrieben, Mädchen bekommen weniger zu essen als ihre Brüder, dürfen seltener zur Schule gehen und müssen früher arbeiten.

    Armut mangels Bildung Das führt direkt in die nächste Sackgasse: 70 Prozent der größten Armut in aller Welt lastet auf den Schultern von Frauen - das bedeutet, dass 700 Millionen Frauen heute nicht wissen, wie sie morgen ihre Kinder und sich selbst satt bekommen sollen.

    Das steht wiederum in einem direkten Zusammenhang mit der Tatsache, dass von den 110 Millionen Kindern weltweit, die nicht zur Schule gehen, zwei Drittel Mädchen sind. Über zwei Drittel der weltweit 960 Millionen erwachsenen Analphabeten sind weiblich. Frauen bekommen in vielen Staaten weder Sozialhilfe, noch gelten sie als kreditwürdig. In Millionen von Fällen führt die pure Not direkt in die Prostitution.

    Sekt! Wir wollten doch für 2030 optimistisch sein. Das würde bedeuten, dass

  • alle 188 Staaten der UN-Vollversammlung Gesetze gegen Gewalt in der Familie beschlossen haben (derzeit sind es nur 44 Staaten);
  • religiöse Extremisten an Glaubwürdigkeit verlieren, die säkularisierte Gesellschaft Realität ist. Derzeit blockieren oder torpedieren streng islamische und streng katholische Regierungen jeden Versuch, die sexuelle Selbstbestimmung ihrer Bürgerinnen nachhaltig zu implementieren;
  • die Entwicklungszusammenarbeit die Bedürfnisse der Frauen deckt. Zweckwidmung von Hilfsgeldern für Mädchen- und Frauenbildung, Direktkredite für Bäuerinnen und Kleinunternehmerinnen, Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen (laut Schätzungen versickert heute mehr als die Hälfte der Mittel für die Ärmsten in undurchsichtigen Kanälen);
  • die Europäische Union ihre selbst gesteckten Ziele verwirklicht. Die Chancen stehen gut - auf keinem anderen Kontinent sind Frauen so gut ausgebildet, so selbstbestimmt und so gleichberechtigt. Theoretisch.

    EU kein Vorbild

    Praktisch gibt es seit Kurzem den jüngsten Kommissionsbericht. Der stellt fest, dass die Europäerinnen 15 Prozent weniger als die Europäer verdienen. Dass sie überwiegend in schlecht bezahlten Berufen arbeiten - und hier überwiegend in Teilzeitjobs. Dass nur knapp ein Drittel aller Manager weiblich ist, dass nur zehn Prozent aller Vorstandsmitglieder und nur drei Prozent aller CEOs Frauen sind. Das senkt den Optimismus - schade. Also noch einen Schluck Sekt und Blättern in österreichischen Statistiken.

    Hier zu Lande steigt die Arbeitslosigkeit bei Frauen stärker als bei Männern; Männer verdienen im Durchschnitt um ein gutes Drittel mehr. Der Anteil weiblicher Managerinnen liegt sogar unter 30 Prozent - und der Frauenanteil im Parlament beträgt 32,78 Prozent.

    Noch ein Schluck Sekt. Hilft auch nicht. Was 2030 betrifft, sind wir total nüchtern. (DER STANDARD, Print, 8.3.2006)

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