Kommentar der anderen: Kinder statt Kirche

7. März 2006, 20:10
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Das konservative Gesellschaftsmodell räumt das Feld in der Familienpolitik

Die Sache scheint so selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr besonders auffällt: Der Konservativismus räumt das Feld in einem Bereich, der früher zu seinem Kernbestand zählte: in der Familienpolitik. Besonders augenfällig ist das in Deutschland, seit dort die stets freundlich lächelnde Ursula von der Leyen das Amt der Familienministerin übernommen hat. Eine Frau, Ärztin, in den USA noch zur Gesundheitssystemikerin weitergebildet, Mutter von sieben Kindern, Ministerin erst in Niedersachsen, jetzt in Berlin.

"Natürlich", sagt sie, "habe ich mit meiner Lebenssituation auch einen gewissen politischen Symbolwert." Aber als Symbol kann sie nur funktionieren, weil sie den Wandel illustriert. Die alten konservativen Wertbestände, dass die Kinder Sache der Familie sind und der Staat sich steuernd nicht einmischen solle, sind nur mehr Gerümpel. Weil dann, wie die Erfahrung zeigt, die Kinder doch wieder meist Frauensache sind mit einem doppelten Effekt. Frauen spielen im Berufsleben dann oft nur eine zweite Rolle - oder sie bekommen keine Kinder.

Die Resultate kann man in den eher konservativ geprägten europäischen Länder, in Deutschland, in Österreich und besonders in Italien und Spanien besichtigen: Die Frauenerwerbsquote ist niedrig, die Geburtenrate ebenso. Und weil in die außerhäusliche Erziehung, in Kindergarten, Vorschule, Ganztagsschule kaum öffentliche Gelder investiert werden, kommt noch ein dritter Effekt hinzu: Die schulische Ausbildung der paar Kinder ist vergleichsweise schlecht.

Fatale Folgen

Ziemlich genau dreißig Jahre haben sich die Konservativen dagegen gesperrt, das Offensichtliche einzusehen. Sie haben gegen die "Einheitsschule" gewettert und möglichst wenig in Kindergärten investiert. In rustikaleren Gegenden in Österreich ist auch heute noch üblich, dass viele Kindergärten schon zu Mittag wieder schließen. Auch wenn man heute so tut, als wäre das nur ein "technischer Fehler gewesen, so wie man bei manchen Großbahnhöfen vergessen hat, Toiletten einzubauen - und nicht Ausdruck eines Gesellschaftsmodells" (Süddeutsche Zeitung).

Aber jetzt kann man die Augen vor den fatalen Folgen dieses Gesellschaftsmodells nicht mehr verschließen. Das ganze christlich-konservative Werteklimbim von der Liebe zum Kind und der Aufgehobenheit, die es nur in der Familie gäbe, hatte nur zum Resultat, dass viele Kinder nicht geboren wurden, die geboren worden wären, wäre dieses Modell nicht derart lange derart hegemonial gewesen. Der Schwenk wird nun mit einer Rhetorik annonciert, die teilweise neoliberal, teils wohlfahrtsstaatlich, teils integrationspolitisch gefärbt ist.

Der neoliberale Akzent ist klar: Mütter mehrerer Kinder werden durch die Umstände dazu gedrängt, aus dem Berufsleben auszuscheiden oder nur mehr auf Sparflamme ihrer Profession nachzugehen. Dadurch wird Humankapital verschwendet. Frauen, die Kinder haben, können sich Karriere im Grunde abschminken - von den paar Ausnahmen abgesehen. Glaubt man den Zahlen, die in Deutschland kursieren, ziehen sie daraus eine klare Konsequenz: Bis zu 40 Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos. Kriegen sie doch Kinder, ist es für sie oft eine Katastrophe.

Hier setzt das wohlfahrtsstaatliche Argument an. Sie haben keine oder nur ungenügende soziale Absicherung. Die Familien generell leisten einen hohen Beitrag zur Prosperität eines Gemeinwesens, weil sie für die Reproduktion von Humankapital sorgen, haben dafür aber nur finanzielle Nachteile. In die Spitzenpositionen kommen meist nur Männer, die sich um ihren Nachwuchs nicht kümmern, immer häufiger auch Männer, die überhaupt keine Kinder haben. Nur sie haben das Zeitbudget, das für grandiose Aufstiege nötig ist. Die anderen dürfen für sie bezahlen.

Hinzu kommt noch das integrationspolitische Argument: Gesellschaftliche Integration findet immer weniger in Familien statt und in Migrantenfamilien oft überhaupt nicht. Wenn die Kinder dann erst mit sechs Jahren in die Schule kommen, ist meist schon alles verloren. Viele Probleme würden gar nicht entstehen, gäbe es Krabbelgruppen für die Kleinsten, obligate Kindergärten, Vorschule.

Nördliche Vorbilder

Jetzt wollen sich alle, paradox genug, an Skandinavien ein Vorbild nehmen. Dafür gibt es allen Grund. Die Fertilitätsrate - also die durchschnittliche Anzahl von Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt - liegt in Finnland bei 1,73, in Dänemark bei 1,77, in Norwegen bei 1,85 (nur Schweden liegt mit 1,54 etwas zurück). Zum Vergleich: Österreich 1,34, Deutschland 1,36 (alle Zahlen gelten für das Jahr 2000). Dass Frauen ebenso berufstätig sind wie Männer, ist in Skandinavien eine Selbstverständlichkeit. Dass Kinder Karrierehemmnisse sind - und ein Armutsrisiko - würde niemand verstehen. Die Erwerbsquote der Frauen liegt nur unwesentlich unter der der Männer.

Aber Vorsicht: Man muss, wenn man dieser Erfolgsstory nacheifern will, dann schon mehr übernehmen als nur ein Anreizsystem wie das einkommensabhängige Elterngeld oder die steuerliche Absetzbarkeit von Kindererziehungskosten, wie das in der BRD jetzt geplant ist. Zu dem Modell gehört auch ein finanziell gut ausgestatteter Wohlfahrtsstaat, der erst dazu führt, dass es für die Frauen - und in zwanzig Jahren für die Kinder - Arbeitsplätze gibt, etwa in jenen sozialen Diensten.

Hoffentlich brauchen die kontinentalen Konservativen, um diese Lektion zu lernen, nicht wieder dreißig Jahre. Denn schließlich brauchte es einen ökonomischen Totalumbau und eine mentale Kulturrevolution, bis man in unseren Breiten so weit ist wie etwa in Malmö. Im dortigen Hafen sind 50 Prozent der Dockarbeiter (!) Frauen. Übrigens sehr zur Freude der Hafenbetreiber: die Frauen, so ergab eine Studie, machen viel weniger kaputt als ihre männlichen Kollegen. (DER STANDARD, Print, 8.3.2006)


Von Robert Misik.

Der Autor lebt als Publizist in Wien; zuletzt erschien von ihm das Buch "Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore" (Berlin, 2005).
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    Mutter von sieben Kindern und deutsche Bundesfamilien-
    ministerin: Als Symbol kann Ursula von der Leyen dennoch nicht dienen, weil sie eher den gesellschaftlichen Wandel deutlich macht.
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