48 Listen, ein Meter lange Stimmzettel

21. März 2006, 16:21
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Frist zur Einreichung der Listen für die italienische Parlamentswahl abgelaufen

Das römische Forza-Italia-Hauptquartier glich am Montag einem orientalischen Suk: Gefeilsche, Schreiduelle, Tränen und Drohgebärden begleiteten die frenetischen Stunden vor dem Termin zur Einreichung der Listen.

Ähnlich angespannt war die Atmosphäre bei den anderen Parteien. Da erstmals in der Geschichte der Republik keine Vorzugsstimmen möglich sind, entscheidet die von den Parteien bestimmte Reihung der Kandidaten über ihren Einzug ins Parlament.

"Wir werden ernannt, nicht gewählt", versichert die ehemalige Kulturministerin Giovanna Melandri mit bitterem Spott. "Es war ein Horror, ein Psychodrama", schildert der Linksdemokrat Goffredo Bettini den Druck auf die mit der Listenerstellung beauftragten Dreierteams. Rund 20 Beauftragte der Parteien haben die Zusammensetzung des nächsten Parlaments weitgehend festgelegt. Der Wähler darf ihre Entscheidungen in einem Monat absegnen.

Die Folge von Silvio Berlusconis Wahlreform: Der Stimmzettel mit 48 Listenzeichen ist fast einen Meter lang und muss sechsmal gefaltet werden – wie, muss das Innenministerium in einem eigenen Dekret festlegen. Das Rechtsbündnis mobilisiert alle Kräfte: Trotz Unvereinbarkeit schickt es die Präsidenten der Lombardei, Venetiens und Siziliens ebenso ins Rennen wie die Langläuferin Manuela di Centa und die Sängerin Rita Pavone.

Mit Carlo Taormina, Giuseppe Gargani und Melchiorre Cirami blieben überraschend drei Justizexperten auf der Strecke, die maßgeblich an den Sondergesetzen für Premier Berlusconi beteiligt waren. Ciramis verbitterter Kommentar: "Wir waren nur Kegel im Spiel anderer."

Indes hat der Regierungschef nach heftiger Kritik auf die Teilnahme an der Audienz verzichtet, die der Papst Ende März einer Delegation der Europäischen Volkspartei gewähren wird. Ungewöhnlich heftig attackierte Berlusconi am Montag auch den Präsidenten des Industriellenverbandes, Luca di Montezemolo, den er als "pessimistischen Dauernörgler" bezeichnete, der in seinem Verband "kein Gefolge" habe. (DER STNDARD, Printausgabe, 8.3.2006)

Gerhard Mumelter aus Rom
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