Notenfabrikant im Lotossitz

13. März 2006, 20:44
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"Remember Shakti" mit Gitarrist John McLaughlin im Wiener Konzerthaus

Wien - Auch er, John McLaughlin, gehörte zu jenen "Musikkindern" von Trompeter Miles Davis, die Ende der 60er-Jahre mit dem Innovationsgrantler in ausgiebigen Sessions im Sinne einer Fusion von Jazz und Rock Schweiß vergossen. Es zahlte sich aus. Zum einen war der Adelstitel "von Davis engagiert" für Karrieren, auch dort wo sie schon bestanden, durchaus noch zusätzlich hilfreich. Andererseits zeigte sich, dass Miles ein gutes Gefühl für Könner mit individuellem Potenzial hatte.

Keyboarder Joe Zawinul und Tenorsaxofonist Wayne Shorter gründeten Weather Report, Pianist Herbie Hancock belebte das Funkgenre, Pianist Chick Corea zog es zu monströsen Fusion-Kompositionen, die Return to Forever umsetzte.

Und der Schotte John McLaughlin hob unter dem Namen Mahavishnu Orchestra ab in ekstatische, rhythmisch und metrisch vertrackte Bereiche, um später mit Shakti seinen Buddhistischen Glaubensweg auch musikalisch zu pflastern.

Alle diese Miles-Jünger sind auch heute noch Teil der internationalen Szene. Aber seit geraumer Zeit begnügen sie sich mit der Reanimation und Verwaltung ihrer alten Verdienste und Projekte, und nichts anderes lässt sich eigentlich auch über McLaughlins Projekt Remeber Shakti sagen. Zwar ist von der Urbesetzung nur noch Percussionist Zakir Hussain dabei, und McLaughlin hat seine speziell für diese Musik umgestaltete akustische Gitarre längst gegen eine E-Klampfe umgetauscht.

Ansonsten jedoch ist die Struktur des Jazz-trifft-Indien-Projektes gleich geblieben. Die modale Anlage der Musik ist Basis, nach wie vor hört man diese wahnwitzig virtuosen melodischen Patterns, ein kommunikatives Spiel mit Rhythmen und die gemeinsame Arbeit an der Dynamik, die natürlich wieder im Lotossitz absolviert wird.

In diesem Kontext wirkt auch die "Notenfabrik" McLaughlin logisch. Versteht man sein Gitarrenspiel im perkussiven Sinne, erlangt es eine Bedeutung als rhythmische Energiequelle. Zwischendurch gibt es dann doch auch Pointen, die mit wenigen Noten auskommen und von McLaughlins Blues-, Rock-und Funkvergangenheit zeugen. Fällt ihm nichts ein, ist allerdings genügend Technik vorhanden, um Inspiration zu simulieren. Das darf man Routine nennen. Und sie ist neben den mitunter etwas süßlichen Kompositionen, die in Ethnokitsch abgleiten, das Problem des Projektes.

Energiemäßig kann es an die alte Besetzung nicht anschließen. Zudem hat McLaughlin mit E-Mandoline-Virtuosen Uppalapu Shrinivas jemanden zur Seite, der noch schneller spielt und noch mehr Noten produziert, als der Schotte, was etwas nervt. So klingt das Projekt in Summe ein bisschen hohl, wirkt wie das virtuose Nachstellen von Glanzstunden der Inspiration, jedoch ohne jene Emotionen, die jene bewirkt. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2006)

  • Virtuose, aber mitunter substanzlose Erinnerungen an die 70er - Gitarrist John McLaughlin.
    foto: rygalyk

    Virtuose, aber mitunter substanzlose Erinnerungen an die 70er - Gitarrist John McLaughlin.

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