"Kaiserliche" Schelte prallt an Klinsmann ab

9. März 2006, 17:10
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Deutscher Teamchef wies Beckenbauer-Kritik an seinem Fehlen bei Trainer-Workshop zurück und besteht auf seiner WM-Marschroute

München - Jürgen Klinsmann will sich auch durch Franz Beckenbauer nicht von seinem aus Amerika gesteuerten WM-Kurs abbringen lassen - ein Zerwürfnis mit dem WM-Chef sieht der Teamchef trotz der heftigen kaiserlichen Kritik an ihm nicht. "Es gibt keine Fehde zwischen mir und Franz", sagte der Bundestrainer am Dienstag. Klinsmann war nach der 1:4-Niederlage gegen Italien am Mittwoch der Vorwoche wieder nach Kalifornien zurückgekehrt und hatte nicht an einem Workshop der WM-Trainer teilgenommen, was nicht nur bei Beckenbauer zu einer Verstimmung geführt hatte.

Dieser bekräftigte unterdessen am Dienstag seine deutliche Kritik an Klinsmanns Fehlen. "Das gehört sich einfach nicht. Klinsmann ist einer der höchsten Repräsentanten des deutschen Fußballs und er hätte da sein müssen, wenn alle da sind, die im internationalen Fußball Rang und Namen haben. Und nur unser Gastgeber war nicht da. Zu dieser Kritik stehe ich unverändert." Selbst DFB-Teammanager Oliver Bierhoff räumte im Nachhinein einen taktischen Fehler ein: "Man hat die Wirkung unterschätzt."

Jobgarantie

Während sich in der emotional aufgeladenen Debatte um Klinsmann auch immer mehr Politiker zu Wort melden, demonstriert DFB-Präsident Theo Zwanziger Standhaftigkeit. Zwanziger gab am Dienstag nochmals eine Garantie dafür ab, dass Klinsmann bei der WM deutscher Teamchef sein werde. "Da gibt es kein Wackeln. Es gibt keinen anderen." Auch Der auch für den Sport zuständige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) stärkte dem Bundestrainer den Rücken. "Ich halte nichts davon, mitten im Strom die Pferde zu wechseln. Jürgen Klinsmann hat mein Vertrauen", sagte Schäuble der "Bild"-Zeitung.

Klinsmann äußerte ein gewisses Verständnis für die verbale Schelte Beckenbauers. "Ich kann ihn verstehen, wenn er mal verärgert ist, da diese WM ja sein Baby ist", sagte der Bundestrainer. Inhaltlich wies er die Kritik aber zurück: "Trotzdem wird man ab und zu auch mal anderer Meinung sein dürfen." Er betonte nochmals, dass in Düsseldorf alle anfallenden Aufgaben von Teammanager Oliver Bierhoff und seinem Assistenten Joachim Löw bestens abgedeckt worden seien.

Klinsmann will "Ruhe bewahren"

Eine Aufgabe seines WM-Projektes schloss Klinsmann trotz der verschärften Diskussion um seine Person kategorisch aus, er will seine Marschroute auch bei weiterer Kritik konsequent durchziehen. "Wir werden uns nicht aus der Ruhe bringen lassen", kündigte er 94 Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am 9. Juni in München an. "Wir werden noch einige Stürme über uns ergehen lassen müssen. Wir sind aber weiterhin überzeugt von unseren Spielern und unserer Philosophie."

Dem Notplan, nach dem Länderspiel gegen die USA am 22. März in Dortmund womöglich ein oder zwei zusätzliche Spiele zu absolvieren, steht Klinsmann aufgeschlossen gegenüber. "Auf Grund der mangelnden Spielpraxis von vielen Spielern ist es eine Überlegung wert." Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge signalisierte Gesprächsbereitschaft der Bundesliga-Kllubs. "Wenn Jürgen zusätzliche Termine will, werden wir uns damit befassen", sagte Rummenigge.

Wichtiger als solche Notpläne ist nach Ansicht von Rummenigge aber, dass die aufgebrochenen Baustellen rund um das Nationalteam wieder geschlossen würden. Daran müsse aber auch der Bundestrainer aktiv mitwirken, etwa mit einem Umzug nach Deutschland bis zur Weltmeisterschaft: "Eine Großbaustelle ist der Wohnsitz in Amerika. Das wird Jürgen keinen Zacken aus der Krone brechen."

Teamchefs für spätere Kader-Bekanntgabe

Die beim WM-Team-Workshop anwesenden Nationaltrainer haben sich für eine Verlängerung der Kader-Meldefrist ausgesprochen. Statt wie bisher geplant am 15. Mai wollen sie ihre 23 Spieler umfassenden Kader erst Anfang Juni benennen. Über den Vorschlag der Trainer will der Fußball-Weltverband (FIFA) am 16. März in Zürich entscheiden. "Ich halte die Verlängerung der Frist für sinnvoll", sagte Brasiliens Nationalcoach Carlos Alberto Parreira zum Abschluss des zweitägigen Workshops am Dienstag in Düsseldorf. (APA/dpa)

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    Die Majestät war nicht amüsiert: Franz Beckenbauer wollte Teamchef Klinsmann in Düsseldorf sehen.

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