Europa kann mit "Multikulti-Software" punkten

15. März 2006, 14:33
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XML-Lösung der Software AG lässt Systeme miteinander "reden"

Europas Software-Industrie hat ein zentrales Problem: Sie steht vor allem im Schatten von Amerika. "Es könnten alle europäischen Softwarefirmen aus der Portokasse eines US-IT-Konzerns aufgekauft werden", diagnostiziert der Österreich-Chef der Software AG, Walter Weihs. Daraus resultiert eine unerfreuliche Entwicklung: Das High-End der Softwarebranche geht in die USA, das Low-End aufgrund der billigen Lohnkosten nach China oder Indien. Und das, was in der Mitte überbleibt, "ist zu wenig, um den Lebensstandard zu halten, den wir anstreben".

Schwäche, die Stärke sein könnte

Die Schwäche, die eine Stärke sein könnte, komme aus Europas multikultureller Struktur. "Die USA haben einen einheitlichen Markt, in dem sie sich nicht um Dinge wie die Verfügbarkeit von Umlauten kümmern müssen" - oder um unterschiedliche Lizenzen oder Rechtsgrundlagen in 25 Ländern. Aber die Schwäche könnte eine Stärke werden, ist die Software AG überzeugt. Denn was die Effizienz in der weiteren IT behindert und damit Kosten verursacht, das ist ebendiese "Multikulturalität" auf Maschinenebene: viele verschiedene Systeme, die nicht miteinander reden können.

Riesenprobleme

Und diese Vielfalt "proprietärer Systeme" (Formate, die nur jeweils von einem Hersteller benutzt werden) wird in Zeiten der Globalisierung und Firmenfusionen für Unternehmen zu einem Riesenproblem. Wenn ein Versicherungskonzern wie Uniqa expandiert, dann kauft er mit den Firmen gleichzeitig deren IT ein, und Dutzende IT-Systeme auf einen einzigen Standard zu bringen ist de facto ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Weihs.

Die Chancen und die Zukunft

"Miteinander reden können" - im auf IT-Systeme übertragenen Sinn - sei darum nicht nur die Chance für die europäische IT-Industrie, sondern auch die deutsche Software AG sieht darin ihre Zukunft. Das setzt eine Art Esperanto (oder zumindest ein Geschäftsenglisch) voraus, und als solches gilt seit einiger Zeit XML, ein offener Standard, der aus der Entwicklung des World Wide Web (übrigens anfangs eine europäische Entwicklung, am Forschungslabor Cern in Genf) hervorgegangen ist. Sein großer Vorteil: "Er gehört niemandem", also können ihn alle benutzen, ohne einen vermeintlichen Vorteil ihrer proprietären Lösung aufzugeben.

"Crossvision"

Statt also Lösungen zu verkaufen, mit denen man andere, bereits vorhandene Lösungen ersetzen muss, will die Software AG eine "serviceorientierte Architektur" verkaufen, die sie "Crossvision" nennt: eine Art Zentrum, an das alle anderen vorhandenen Lösungen andocken und das die Übersetzung in und aus XML besorgt. "Damit kann man unterschiedliche Systeme auf hoher Ebene zusammenführen", erklärt Weihs. "Man schmeißt die bisherigen Ausgaben nicht weg, sondern integriert sie in diese Architektur." (spu/DER STANDARD, Printausgabe vom 7.3.2006)

  • Walter Weihs, Geschäftsführer Software AG Österreich.
    foto: melzer pr

    Walter Weihs, Geschäftsführer Software AG Österreich.

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