Berlusconi verzichtet auf Papst-Besuch mit Schüssel

13. März 2006, 17:08
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"Bin kein Europaparlamentarier" - Absage kurz vor der Wahl angeblich wegen Druck aus dem Vatikan

Rom - In einem regelrechten Schwall von Polemik hat der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi am Dienstag beschlossen, doch nicht an der umstrittenen Papst-Audienz am 31. März für eine EVP-Delegation teilzunehmen. "Ich werde nicht zum Papst mitgehen. Die EVP-Delegierten hatten seit September darum gebeten, vom Papst empfangen zu werden. Ich werde sie aber nicht begleiten, da ich kein Europa-Abgeordneter bin", sagte Berlusconi. Auch der Präsident der Abgeordnetenkammer, Pierferdinando Casini, der ursprünglich Berlusconi zum Papst begleiten wollte, erklärte, er werde auf den Besuch verzichten.

200 EVP-Abgeordnete sollten kommen

Der geplante Besuch hatte am Montag Proteste in der Mitte-Links-Opposition ausgelöst, die Berlusconi den Versuch einer Instrumentalisierung der Kirche für Wahlkampfzwecke vorwarf. Etwa 200 Abgeordnete der Europäischen Volkspartei (EVP), zu der auch Berlusconis Forza Italia gehört, wollen am 30. oder 31. März zu einer Audienz bei Papst Benedikt XVI. An der Audienz nehmen auch mehrere konservative und christdemokratische Regierungschefs teil, darunter auch Bundeskanzler und EU-Ratsvorsitzender Wolfgang Schüssel.

Opposition verärgert

Teile der Opposition hatten sich zuvor verärgert über die angekündigte Teilnahme des Ministerpräsidenten geäußert. "Es ist unerhört, dass knapp vor den Parlamentswahlen (9. April) ein politischer Gipfel im Vatikan stattfindet", kritisierte ein Politiker der Radikalen Partei, Roberto Villetti. "Der Vatikan lässt sich hoffentlich nicht von Berlusconis Wahlpropaganda beeinflussen", warnte der Senator der oppositionellen Partei "Italien der Werte", Antonio Di Pietro.

Prodi: "Wird sowieso nicht gewinnen"

Lediglich Oppositionschef Romano Prodi ließ erklären, dass es Sache des Heiligen Stuhls sei, wer an der Audienz teilnehmen dürfe. "Berlusconi wird sowieso die Wahlen nicht gewinnen", meinte Prodi.

In Oppositionskreisen wirft man dem Papst vor, sich stark in die italienische Politik einzumischen. Am auffälligsten sei bisher die offene Unterstützung des damals frisch gewählten Benedikt XVI. für ein Referendum gegen künstliche Befruchtung gewesen. Auch gegen die von der Opposition geplante Legalisierung zusammenlebender homosexueller Paare und zum Thema Schwangerschaftsunterbrechung hat der Papst öfters Stellung bezogen.

Bischof Rino Fisichella, "rechte Hand" des römischen Generalvikars Camillo Ruini, schüttete indes Wasser aufs Feuer. "Der Papst hat keinerlei Absicht, sich in den italienischen Wahlkampf einzumischen. Die EVP-Parlamentarier hatten um Audienz gebeten. Der Papst hätte dabei bestimmt nicht den italienischen Delegierten die Tore versperrt", so Finischella im Interview mit der römischen Tageszeitung "La Repubblica" am Dienstag.

Berlusconis Mitte-Rechts-Partei Forza Italia wird von der Opposition beschuldigt, die Unterstützung katholischer Kreise zu suchen. Die Gruppierung Berlusconis hatte in den vergangenen Tagen in allen italienischen Pfarrern eine Broschüre mit dem Wahlprogramm der Partei vorgestellt, die auf Familie und Sozialpolitik setzen will. Die Initiative hatte den Protest der Linken ausgelöst. (APA)

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