Kopf des Tages: Kinoerzähler von Über-, Un- und Zufällen

7. März 2006, 10:08
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Überraschender Oscar-Preisträger: Regisseur Paul Haggis mit "L. A. Crash"

1991 überfallen zwei junge schwarze Männer ein weißes Ehepaar in einem wohlhabenden Bezirk in Los Angeles und entwenden mit vorgehaltenen Pistolen einen Porsche.

Ein paar Jahre später setzt sich der Beraubte nieder und schreibt eine Version dieser Episode in ein Drehbuch, das mehrere gewalttätige Zufalls-"Begegnungen" zu einem Panorama amerikanischer Verunsicherung verwebt: Sein erst zweiter Kinofilm Crash (deutsch: L. A. Crash), Sonntag überraschend mit drei Oscars, darunter dem für den Besten Film ausgezeichnet, wurde zu einem der größten Independent-Hits des Jahres.

Mittlerweile gilt der 1953 in London (Ontario) geborene Paul Haggis als erfolgreichster kanadischer Oscar-Preisträger seit James Cameron. Bereits im Vorjahr war er am Besten Film beteiligt, hatte für Clint Eastwood Million Dollar Baby geschrieben und war schon damals als Autor für einen Academy Award nominiert.

Dass er nun bei beiden Galas mitfeiern konnte, ist in seinem Fall ein besonderer Glücksfall: Während der Dreharbeiten zu Crash vor mittlerweile mehr als zwei Jahren hatte der Regiedebütant einen Herzinfarkt erlitten. Die Produzenten und Ärzte hatten ihm zugeredet, er möge jemand anderen weiterinszenieren lassen, aber Haggis weigerte sich - "und natürlich bemühten sich in weiterer Folge alle Teammitglieder, mich nicht aufzuregen".

Seine Karriere startete der Autor und Regisseur beim kanadischen Fernsehen, bis er Ende der 70er-Jahre nach Los Angeles übersiedelte, einem, wie er heute sagt, "idealen Ort für Immobilienmakler, aber nicht für Menschen". Nach Drehbüchern für TV-Hits wie "Love Boat" kreierte er für Chuck Norris die berühmt-berüchtigte Action-Serie "Walker, Texas Ranger" - und auch dieser Tage gedenkt Paul Haggis dem Fernsehen treu zu bleiben: Crash soll jetzt auch in Serienform weitererzählt werden.

Im Kino hat Haggis indessen wieder mit Eastwood zusammengearbeitet: Auch das Drehbuch zu dessen jüngstem Film, dem soeben in Produktion befindlichen Weltkriegsdrama Flag of Our Fathers stammt von ihm. Auch in die Überarbeitungen des neuen James-Bond-Films Casino Royal war er involviert. Mittlerweile lebt der verheiratete Vater von vier Kindern mit seiner zweiten Frau, der Sängerin Deborah Rennard, in Santa Monica. Auch dort inspirierte ihn Gott Zufall zu gründlicher Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens: Haggis' Haus mit Meerblick wurde bei einem Erdbeben total zerstört. "Ich hatte vergessen, eine Versicherung abzuschließen. Drei Mio. Dollar waren weg, in 20 Sekunden."

Immer aber habe die Krise auch ihre guten Seiten: "Ihr ins Gesicht zu sehen sagt einem, wer man ist." Mit Crash behauptet Paul Haggis diese Option von Katharsis für ganz Amerika. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.03.2006)

Von Claus Philipp
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