Wahres Massiv im Tal der Ahnungslosen

6. März 2006, 20:45
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Erwin Steinhauer als "Tartuffe" in St. Pölten: Das ist das auf kleiner Flamme revanche-heiß angelaufene Weihedampfbügeleisen der zu kurz Gekommenen

St. Pölten - Die weithin unergründlichen Wege der Offenbarung sind im "Landestheater Niederösterreich", wie das Sankt Pöltener Stadttheater nunmehr landkreisgestützt heißt, in ein wahres Bergmassiv unumstößlicher Glaubensgewissheit eingemündet.

Tartuffe (Erwin Steinhauer) heuchelt in Hans Eschers Inszenierung von Molières gleichnamiger Komödie nicht. Er zertrümmert alle Einwände, indem er alles unterlässt, was ihm die feigen Vertreter der Aufklärung als Bigotterie, als zweckdienlichen Eigennutz auslegen könnten. Er segelt wie eine orangefarbene, in Seide gehüllte Wolke über den hysterischen Haushalt des Bürgers Orgon (Johannes Seilern). In Wahrheit ist der Kerl mit dem bestickten Käppi natürlich ein Wüstling.

Revanche-Gelüste

Steinhauer als Tartuffe: Das ist das auf kleiner Flamme revanche-heiß angelaufene Weihedampfbügeleisen der zu kurz Gekommenen. Allenthalben aufkommende Zweifel an seiner heiligmäßigen Statur schweigt er nieder, oder er plättet sie. Erhebt er dann doch die Stimme oder sein Rucksäckchen, so erschrickt er vor der eigenen Sensibilität.

Im Innern dieses Fleischmassivs nistet die Stille. Anwürfen begegnet er absehbar nah am Wasser gebaut. Erst im Nahkampf mit der begehrten Elmire Orgon (Mercedes Echerer), wenn er wie ein Engerling zwischen die Schenkel der Asthmakranken kriecht, ein Tier unter lauter albernen Spielzeugmenschen (Regie: Hans Escher), entlädt sich der verzweifelt aufgestaute Druck.

In einer Inszenierung, die nicht wie diejenige Eschers von vornherein vor ihren kleinen Ideen kapitulierte, vor den putzigen Schnürstiefelchen der Damen, vor den zugespitzten Tiraden Orgons (Seilern), wäre dieser falsche Heilige, der sein Glaubensfett und seine Menschenverachtung wie eine zugeschliffene Barriere gegen die Zudringlichkeiten einer abgelebten Gesellschaft verwendet, ein wahrer Held. Ein Zerrissener, der nur unter dem Panzer des Glaubensverdachts die Täterrolle annimmt. Ein Zudringlicher, der an den Schalenden seiner Gastgeber herumzupft, um kein Terrorist zu werden.
So aber hat Renato Uz ihm und der ganzen knallbunten Gesellschaft einen metallisch grün getäfelten Lift gebaut. Himmelhoch hinauf oder höllensturztief hinunter, paraphrasiert die Inszenierung plump die Fragestellung von 1669 (und schickt einen Allonge-Boten mit dem Rettungsdekret des Königs). Dabei hätte Steinhauer die Masse, den Wahn besessen, in die Breite zu spielen - hinaus bis in die letzten Ausläufer einer entropisch ausgekühlten Säkulargesellschaft: deren schnöde Langeweile das Spiel mit Glaubensinhalten bedingt. Schade darum. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.03.2006)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: landestheater st. pölten
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