Ein neuer Ozean wird Afrika spalten

13. März 2006, 13:43
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Neue Meere entstehen normalerweise im Zeitlupentempo - nicht so in der Afar-Senke in Nordostafrika

Addis Abeba - Der Geologe Dereje Ayalew und seine Kollegen von der Addis Abeba Universität erschraken. Gerade hatten sie ihren Helikopter in der Wüste in Zentraläthiopien verlassen, als der Sandboden plötzlich bebte. Der Pilot rief ihnen zu, sie sollten schnell zurückkommen - da passierte es: Die Erde riss auf. Nach einigen Sekunden war alles vorbei. Und den Wissenschaftern wurde bald klar, dass ihr Erlebnis von historischer Dimension ist: Erstmals hatten Menschen dokumentiert, wie ein neuer Ozean geboren wird.

Im Normalfall wandelt sich die Umwelt unmerklich. Ein Menschenleben ist zu kurz, um zu bemerken, dass sich Flussläufe verändern, Gebirge aufsteigen, Schluchten entstehen. Doch in der Afar-Senke in Nordostafrika öffneten sich in den vergangenen Monaten hunderte Spalten im Boden, die Erde sank um bis zu 100 Meter ab. Gleichzeitig beobachteten Forscher, dass Magma aufsteigt und basaltischen Ozeanboden bildet. Geologisch gesehen wird es nicht mehr lange dauern, bis das Rote Meer die Region überflutet und ein Ozean entsteht, der Afrika teilen wird.

Die Afar-Senke, die Äthiopien, Eritrea und Dschibuti überlappt, ist die größte Baustelle des Planeten. Gigantische Verwerfungen treffen dort aufeinander. Entlang zweier Brüche weichen die Afrikanische und die Arabische Platte auseinander. Dabei senkt sich der Boden - das Rote Meer und der Golf von Aden füllen den entstandenen Graben. Ein dritter Bruch durchschneidet Afrika gen Süden, wobei er sich gabelt: Ein Arm verläuft östlich, einer westlich des Victoria-Sees (siehe Grafik, gelbe Bruchlinien). Die Grabenflanken beider Risse entfernen sich voneinander.

Hunderte Erdspalten

In der Afar-Senke konnten äthiopische und britische Forscher diese Spreizung erstmals direkt beobachten. Dem eingangs beschrieben Erlebnis vom 26. September 2005 folgte ein wochenlanges Erdbeben-Tremolo. Bis heute öffneten sich auf einer Fläche, die gut dreimal so groß ist wie Wien, hunderte Risse im Boden. "Die Erde ist noch nicht zur Ruhe gekommen", sagt Geophysiker Tim Wright von der Universität Oxford. Noch immer spalte und senke sich der Boden; ständig schüttelten schwache Erdbeben die Region. Die Forscher sind in den vergangenen Monaten mehrfach in die Gegend geflogen. Und entdeckten bei jedem Besuch neue Brüche im Boden; aus manchen stiegen 400 Grad Celsius heiße Dämpfe auf.

In einigen der dutzende Meter tiefen und oft hunderte Meter langen Spalten hörten die Forscher Flüssigkeiten brodeln; es roch nach Schwefel. Zudem fanden sie Ablagerungen von Vulkanausbrüchen. Vielerorts trennten Erdspalten die dünnen Lagen frischer Vulkanasche. In den Brüchen lag indes keine Asche - ein Beweis dafür, dass die Spalten jüngeren Datums sind als die Vulkanausbrüche. In manche Spalten ist basaltisches Magma aufgestiegen. "Es blieb jedoch im Untergrund stecken", erklärt Geologe Ayalew.

Frühere Ausbrüche hin- gegen erreichten die Oberfläche: Die Forscher fanden erstarrte Lavaablagerungen älterer Eruptionen - erste Flecken des künftigen Ozeanbodens. Die Lava ist von der gleichen Sorte wie jene, die in allen Weltmeeren an den mittelozeanischen Rücken austritt. An diesen Unterwasser-Gebirgszügen entsteht kontinuierlich neuer Ozeanboden, wobei der Meeresgrund zu beiden Seiten weggeschoben wird: ein Prozess, der nun in Afrika begonnen hat. Afrikas Magmaquelle ist vermutlich ein aus dem Erdmantel aufsteigender riesiger Schlot heißen Gesteinbreis, der wie ein Schweißbrenner die afrikanische Platte perforiert und auseinander schiebt. Vor etwa 30 Millionen Jahren zertrümmerte erstmals Lava den Kontinent und trennte die Arabische Halbinsel von Afrika. Dazwischen liegt heute das Rote Meer. Das Afar-Gebiet senkt sich ab, große Flächen liegen bereits mehr als 100 Meter unter dem Meeresspiegel. Noch blockiert das Danakil-Hochland an der Küste den Einstrom des Roten Meeres. Erosion und das Absinken des Bodens verringern jedoch stetig seine Höhe.

Auch die Vulkankette entlang des 6000 Kilometer langen Ostafrikanischen Grabens zeugt vom Auseinanderbrechen Afrikas. An manchen Stellen zwischen den bis zu drei Kilometer hohen Grabenflanken ist die Erdkruste bereits vollständig aufgerissen.

Nach Berechnungen von Geophysikern wird spätestens in zehn Millionen Jahren ein neuer Ozean vom Roten Meer, von der Afar-Senke durch den ostafrikanischen Graben bis nach Mosambik den afrikanischen Kontinent teilen. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 3. 2006)

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