Soldatenmütter: "Dann gibt es einen Aufruhr im Volk"

29. März 2006, 15:59
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Walentina Melnikowa, Vorsitzende des "Komitees der Soldaten­mütter", erläutert im STANDARD-Interview die politische Spreng­kraft der Gewaltverbrechen in der russischen Armee

STANDARD: Mit dem Fall Sytschow kamen die Rekrutenschindereien erstmals groß in die Medien. Könnte das auch politische Folgen haben?

Melnikowa: Folgen werden vom jetzigen Verhalten der Militärs und der Abgeordneten abhängen. Schon eineinhalb Jahre lang versuchen wir, Gesetzesänderungen zu verhindern, mit denen Möglichkeiten für einen Aufschub des Wehrdienstes oder eine Befreiung abgeschafft werden sollen. Der Verteidigungsminister will die Zahl der Rekruten verdoppeln. Wenn sie das durchsetzen, wird es sicher einen Aufruhr im Volk geben.

STANDARD: Ist das Sprengpotenzial stärker als bei der vorjährigen Abschaffung der Naturalprivilegien (Freifahrten für Pensionisten etc.)?

Melnikowa: Ja, weil es sich um andere Leute handelt. Es betrifft die Jugend und die Familien, also bürgerlich aktive Leute, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder zu kämpfen bereit sind. Wenn man jetzt alle ohne Ausnahme einzieht, verlieren Familien mit alten Menschen oder Kleinkindern ihre Ernährer.

STANDARD: Hat die Dedowschtschina (Initiationsriten für Rekruten) systematischen Charakter?

Melnikowa: Das alles gibt es seit den Siebzigerjahren; seit 1972 ist die Armee in einer Krise. Aber ich muss einen verbreiteten Irrtum korrigieren: Es gibt nicht das Phänomen Dedowschtschina, sondern die systematische Anwendung von Folter, systematische Verbrechen gegen die Persönlichkeit, Gelderpressung; und die Leute werden in den Selbstmord getrieben.

Das Wort Dedowschtschina haben die für das Image des Militärs zuständigen Offiziere absichtlich eingeführt, um das Verbrechen nicht als Verbrechen zu bezeichnen, sondern mit einem soziologischen Begriff zu verschleiern. Die Konflikte bestehen ja nicht nur zwischen älteren und jüngeren Soldaten, 35 Prozent der Soldatenklagen beziehen sich auf Verbrechen seitens der Offiziere. Und Opfer sind nicht nur Soldaten im ersten Dienstjahr, sondern auch ältere Dienende.

STANDARD: Als Abhilfe sprach sich Präsident Putin für die Einrichtung einer Militärpolizei aus ...

Melnikowa: Das ist völliger Unsinn. Das Gesetzesprojekt dazu wurde schon 1997 vom Chef für die Erziehungsarbeit in der Armee eingereicht, der sich zur Rettung seiner Behörde die Bezeichnung Militärpolizei ausdachte. Wie sollte sie denn bitte aussehen? Wie viele würden wir zur Verbrechensverhinderung brauchen? 750.000? Die dann in der Kaserne wohnen? Funktion der Militärpolizei ist weltweit die Kontrolle der Armeeangehörigen außerhalb der Truppeneinheiten. Kompanien mit solchen Funktionen haben wir ohnehin.

STANDARD: Was kann dann aber zur Überwindung der jetzigen Zustände beitragen?

Melnikowa: Die Abschaffung der Einberufungen. Die Schaffung neuer Streitkräfte mit freiwilligen, professionellen Soldaten. Eine Wehrdienstverkürzung bringt nichts, denn bei uns werden junge Burschen auch am ersten Tag nach der Einberufung zum Krüppel geschlagen.

STANDARD: Behindert man Sie bei der Arbeit?

Melnikowa: Und wie. Man will uns unsere Bürogebäude wegnehmen, gerichtlich das Russische Zentrum für Menschenrechte, dessen Mitglied wir sind, schließen. Und nun ist erstmals in unserer Geschichte der Kreml politisch auf uns losgegangen: Im Journal Expert des Kremlideologen Gleb Pawlowski stand ein idiotischer Artikel über Sytschow und daneben ein Redaktionskommentar, der absolut sicher aus der Kremladministration kam. (DER STANDARD, Print, 7.3.2006)

Zur Person

Walentina Melnikowa, ausgebildete Geologin, verheiratet und Mutter zweier Söhne, beteiligte sich 1989 aktiv an der Gründung des "Komitees der Soldatenmütter". Seit 1998 leitet sie diese Anlaufstelle für Opfer von Menschenrechts- verletzungen in der russischen Armee. Ebenso lang ist sie auch Vorsitzende des Russischen Forschungszentrums für Menschenrechte. Derzeit wird in einem Projekt die Sklavenarbeit in der russischen Armee untersucht.

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