Mütterrevolte gegen "Großväter­regime"

29. März 2006, 15:59
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Brutale Fälle von Soldaten­misshandlung lassen die positive Grundeinstellung der Russen zu ihrer Armee kippen - Neue Rekrutierungspläne verstärken den Protest

Am 8. Februar wurde der junge Soldat Nusrulla Dawidow in ein Krankenhaus in der Süduralstadt Ufa gebracht, am 13. Februar verstarb er. Magenverletzungen und Blutungen an der Hirnhaut stellten die Ärzte fest, auch Prellungen des Gehirns und im Gesicht. Soweit durch die Informationsblockade durchsickerte, hatten drei Kameraden den Rekruten zu Tode gequält. Eine couragierte Ärztin informierte die Presse.

Andrej Sytschew ringt seit Wochen in einer Moskauer Klinik mit dem Tod. Die Genitalien und beide Beine mussten dem jungen Mann amputiert werden. Dienstältere Soldaten in der Panzerschule von Tscheljabinsk hatten zu Neujahr auf den Rekruten eingedroschen, bis er sich nicht mehr rührte. Das "Komitee der Soldatenmütter" brachte die Tragödie ans Licht und schaffte es erstmals, die russische Öffentlichkeit angesichts eines Verbrechensphänomens aufzurütteln: der so genannten Dedowschtschina, zu Deutsch etwa "Herrschaft der Großväter".

997 Menschen sind ihr nach Angaben des Menschenrechtskomitees der Soldatenmütter allein im Jahr 2005 zum Opfer gefallen. Selbst nach der offiziellen Statistik wurden im Vorjahr 20.000 Verbrechen an Soldaten registriert. Jährlich an die 500 Soldaten wählen den Freitod - häufig, um den Gewaltorgien zu entgehen.

Vom Phänomen der Dedowschtschina spricht man seit den 1970er-Jahren. Gemeinhin versteht man darunter ein Initiationsritual zur Disziplinierung der Soldaten im ersten Dienstjahr. Da der Armee die im Westen verbreitete Unteroffiziersklasse fehlt, übernehmen Rekruten des zweiten Dienstjahres deren Funktionen.

Verklärte Verbrechen Was dann aber als - mitunter romantisiertes - Hierarchieritual daherkommt, sind in Wirklichkeit Schwerverbrechen: Die jungen Rekruten müssen Geld und Sachwerte an die älteren Kameraden (oder an die Offiziere) abliefern; im Namen der Armeedisziplin werden sie vergewaltigt und geschlagen, mit Gürtelschnallen, Stiefeln und Stöcken. Unter Zwang haben sie sich an das Stockbett zu hängen, bis sie vor Erschöpfung herunterfallen; dann werden sie getreten, bis sie Blut spucken. Ärztliche Hilfe wird meist verweigert.

Mit den Zerfallserscheinungen in der russischen Armee und den materiellen Engpässen hat die Willkür in den letzten 15 Jahren zugenommen. 50.000 Leute kommen jährlich mit Klagen über die Zustände zu den Soldatenmüttern. Aber der Aufschrei blieb bis vor Kurzem aus.

Vor allem, weil die Offiziere und die Politik bis ganz nach oben auf Vertuschung setzen. "Wäre etwas Ernsthaftes passiert, würde ich davon wissen", lautete die Reaktion von Verteidigungsminister Sergej Iwanow auf die erste Anfrage zum Fall Sytschow. Als der Kreml ob der Proteste nervös wurde, musste Präsident Wladimir Putin selbst eingreifen, sprach von einer Tragödie und forderte lückenlose Aufklärung.

Trotz traditionell positiver Einstellung zur Armee geben russische Eltern jährlich schätzungsweise 250 bis 650 Millionen Euro an Bestechungsgeldern aus, um ihre Söhne vom Militärdienst freizukaufen. Aber selbst die positive Grundhaltung zum Militär ist durch den Fall Sytschew gekippt. Wurde die Arbeit der Armee nach einer Umfrage des Institutes VCIOM im Dezember 2005 noch von 48 Prozent gebilligt und von 38 Prozent missbilligt, so wurde sie im Februar bereits von 54 Prozent missbilligt. 50 Prozent sind mittlerweile für ein Berufsheer - wie Putin es einst versprochen hat. (Eduard Steiner, DER STANDARD, Print, 7.3.2006)

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    Das russische Ehrengarde-Regiment bei der Demonstration seiner Fähigkeiten.

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