Albaner hoffen, Kroaten zweifeln

20. März 2006, 13:35
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Neue Studie zur EU-Beitritts-Stimmung in Südosteuropa

Wien – In Kroatien herrscht Skepsis: Im Vergleich zu sechs anderen Staaten in Südosteuropa ist das Vertrauen in die EU am geringsten, die Kroaten glauben am wenigsten, dass sich nach einem EU-Beitritt die wirtschaftliche Situation verbessern wird, sie sind aber zu 89 Prozent davon überzeugt, dass zwar die Preise, nicht aber die Löhne (56 Prozent) steigen werden. Dies ergibt eine Umfrage der Gesellschaft für Europapolitik und der Paul Lazarsfeld Gesellschaft für Sozialforschung, die am Montag präsentiert wurde.

Realismus steigt

Die Befragung wurde vergangenen Herbst durchgeführt, als die Diskussion um den Haager Angeklagten Ante Gotovina für eine negative EU- Haltung in Kroatien sorgte. Der EU-Beitritt ist zudem absehbar – der Realismus steigt. Die Albaner haben hingegen nicht nur das vergleichsweise größte Vertrauen in die EU, sie erhoffen sich auch am meisten: weniger Arbeitslosigkeit (77 Prozent), höhere Löhne (86 Prozent) und einen Rückgang der Korruption (65 Prozent). Sie fürchten aber kaum den Verlust kultureller Identität (21 Prozent) oder nationaler Souveränität (16 Prozent). Trotzdem glauben 78 Prozent, dass es nach dem Beitritt zu Auswanderung kommen wird.

Einig ist man in allen Staaten, dass die Korruption seit 1990 zugenommen hat. Das geringste Vertrauen in Parlament und Parteien haben die Bosnier. 37 Prozent halten die Abschaffung dieser Institutionen für wahrscheinlich. Der ehemalige Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch meint dazu, dass eine eigenständige Demokratie durch die Präsenz der internationalen Gemeinschaft bislang nicht entwickelt wurde. Kritik übt er an der "Freunderlwirtschaft" im Zuge der Privatisierung: "Da ist viel schief gegangen."

In Kroatien, Bosnien und Bulgarien wird die Privatisierung auch negativ beurteilt, in Mazedonien, Rumänien und Albanien hingegen positiv. Der Grund für die Anti-Erweiterungsstimmung der Österreicher sei, dass keine Unterscheidung zwischen den Auswirkungen der Globalisierung und der Europäisierung des Balkans gemacht werde, so Petritsch. "Ob wir diese Länder hineinnehmen oder nicht, es wird sich nichts ändern, wenn es keine Vertiefung in der EU gibt." (awö/DER STANDARD, Printausgabe, 07.03.2006)

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