NYSE wagt sich aufs Börsenparkett

17. März 2006, 15:25
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Mehr als 200 Jahre nach ihrer Gründung durch einige Händler unter einem Baum in der Wall Street schlägt die größte Aktienbörse der Welt ein neues Kapitel auf

Frankfurt/New York - Die Aktien der New York Stock Exchange (NYSE) werden am 8. März erstmals gehandelt werden. Unter dem Börsenkürzel "NYX.N" können sich ab Mittwoch Anleger aus aller Welt Anteile an der Tags zuvor mit der elektronischen Handelsplattform Archipelago verschmolzenen Börse sichern. Analysten erwarten den ersten Kurs bei etwa 60 bis 65 Dollar.

Fusion mit Archipelago

Wichtigste Voraussetzung für den Schritt aufs Parkett war die erst vor wenigen Tagen von der Börsenaufsicht SEC genehmigte Fusion mit Archipelago. Beim Börsengang der NYSE handelt es sich nämlich nicht um ein echtes so genanntes Initial Public Offering (IPO), sondern lediglich um eine Notierungsaufnahme - und dafür brauchten die New Yorker einen bereits gelisteten Partner.

Die NYSE, die von ihren knapp 1.400 Mitgliedern bisher nicht als gewinnorientiertes Unternehmen, sondern als Plattform für Kapitalmarktdienstleistungen betrieben worden war, wird nach dem Börsengang nach Schätzungen von Analysten einen Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar haben. Die Eigentümer erhalten bei dem Börsengang jeweils 300.000 Dollar (249.646 Euro) in bar und je 80.177 Aktien des neuen Unternehmens. Es wird damit gerechnet, dass die NYSE innerhalb weniger Wochen nach der Erstnotiz in großem Stil weitere Aktien ausgeben dürfte.

Deutsche Börse machte den Anfang

Der Trend, dass Börsen selbst an die Börse gehen, ist in der langen Geschichte dieser Finanzinstitutionen noch vergleichsweise jung. Es war die Deutsche Börse AG, die am 5. Februar 2001 als erster größerer Marktbetreiber den Gang aufs Parkett wagte. Mittlerweile gehört es in der Branche fast schon zum guten Ton, auf dem eigenen Kurszettel gelistet zu sein. Neben der Londoner Börse LSE und dem schwedisch-finnischen Marktbetreiber OMX sind seit einigen Jahren etwa auch die Vierländerbörse Euronext - ein Zusammenschluss der Börsen Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon - und die Chicago Mercantile Exchange börsennotiert.

Dass der raue Wind des Kapitalmarktes nach dem Börsengang manchmal auch den Börsen selbst ins Gesicht blasen kann, erfuhr die Deutsche Börse im vergangenen Jahr, als ihr zweiter Versuch einer Übernahme der Londoner Börse am Widerstand opponierender Aktionäre scheiterte und Vorstandschef Werner Seifert sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Rolf Breuer ihren Hut nehmen mussten. Auf der anderen Seite sorgten die anhaltenden Fusionsfantasien in der Branche für einen rasanten Kursanstieg. So hat sich etwa der Aktienkurs der Deutschen Börse alleine im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Das Papier gehörte damit zu den erfolgreichsten Aktien in ganz Europa.

Inwieweit die New Yorker Börse nach ihrem eigenen Börsengang Übernahmen in Europa angehen wird, bleibt abzuwarten. NYSE-Chef John Thain hat in der Vergangenheit mehrmals betont, er werde sich schon bald nach geeigneten Kaufgelegenheiten umsehen. An Kapital etwa für einen Schritt über den Atlantik oder vielleicht sogar nach Asien sollte es der NYSE nach ihren Börsengang nicht mehr fehlen.

Verdammt zur Expansion

Die größte Börse der Welt ist nach Expertenauffassung zur Expansion verdammt, will sie die Konkurrenz - allen voran die ebenfalls in New York angesiedelte und auch börsennotierte Computerbörse Nasdaq - langfristig auf Distanz halten. Fast der gesamte Handel läuft an der NYSE nämlich noch immer auf dem Parkett. Mit Archipelago kommt nun zwar eine elektronische Plattform dazu, doch den Trend zur immer stärkeren Computerisierung der Finanzmärkte setzten in der Vergangenheit Konkurrenten wie eben die Nasdaq. Nach Börsengang und Fusion sind nun über das Vehikel Archipelago auch an der Nasdaq gelistete Aktien an der neuen New York Stock Exchange handelbar. Der Kampf um die Vorherrschaft an der Wall Street erhält somit neue Dynamik. (APA/Reuters)

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    Die NYSE, die von ihren knapp 1.400 Mitgliedern bisher nicht als gewinnorientiertes Unternehmen betrieben worden war, wird nach dem Börsengang nach Analysten-Schätzungen einen Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar haben.

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