Interview: Furcht vor Kollektivschuld

6. März 2006, 12:22
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Der Umstand, dass Mirjana Karanovic im Film "Grbavica" eine muslimische Frau spielt, setzt ein deutliches Zeichen, das vielen Nationalisten nicht passt

Der Film "Grbavica" in Regie der bosnischen Jasmila Zbanic gewann bei der Berlinale den "Goldenen Bären". Er ist vergangene Woche in österreichischen Kinos angelaufen. Mirjana Karanovic war und ist eine der berühmtesten Schauspielerinnen Ex-Jugoslawiens. Das österreichische Publikum kennt sie aus Produktionen des Regisseurs Kusturica. Mit der Schauspielerin sprach Kerstin Kellermann.

dieStandard.at: Wie sehen in Belgrad die Reaktionen auf "Grbavica" aus?

Karanovic: Der Film läuft am sechsten März in Belgrad an. Doch er löste schon im Vorfeld einen Riesenkrach (big bang) aus, besonders bei Leuten, denen der Prozess gegen Radovan Karadzic und Ratko Mladic nicht gefällt. Rechte Parteien und ihre ultrarechte Presse starteten eine Kampagne gegen mich, weil ich als Belgraderin eine muslimische Frau spielte. Ich werde meine Arbeit als Professorin für Drama an der Akademie nicht verlieren, aber ich habe Angst vor weiteren Provokationen und einer Eskalierung der Atmosphäre.

Ein Mann von der Akademie droht Jasmila wegen Verbreitung von religiösem und nationalem Hass anzuzeigen. Demokratische Organisationen warnten sie davor, zum Internationalen Filmfestival nach Belgrad zu kommen, aber sie wird gehen. Die Leute werden von Politikern vergiftet, die uns in zwei Nationen getrennt halten wollen. Dabei ist "Grbavica" eigentlich ein zutiefst menschlicher und kein politischer Film im klassischen Sinne. Jede sollte über ihre Geschichte reden dürfen, wichtig ist wohl auch die Fähigkeit Mitgefühl für einen anderen Menschen empfinden zu können.

Ich hoffe sehr, dass der Film den Start der äußerst schmerzvollen Debatte zum Krieg bedeutet, denn nach dem Krieg benahmen sich die Leute so, als ob die Vergangenheit einfach vorbei wäre. Vergessen wir das, sagten sie, erwähnen wir das nicht. Der Krieg ist vorbei. Dabei kennen wir die ganze Wahrheit über den Krieg nicht! Sprechen verursacht Schmerzen, aber dieser kleine Teil von Katharsis ist sehr wichtig. Ich weiß nicht, wie lange wir noch brauchen, um die Last und das schwere Erbe dieser ethnischen Konflikte zu lösen.

dieStandard.at: Wenn Sie als Serbin eine Muslimin spielen, ist das ein Zeichen, dass nicht alle Serben und Serbinnen an den realen Konflikten und am Krieg in den Köpfen beteiligt waren?

Karanovic: Ein Hauptproblem in meinem Land ist es, dass die Bevölkerung denkt, dass sie von anderen Ländern kollektiv des Krieges beschuldigt wird. Dieses Vorurteil ist sehr weit verbreitet. Rechte Parteien schüren den Gedanken der Kollektivschuld. Viele Leute sind verwirrt und glauben denen, die sagen, wenn die Internationale Gemeinde Karadzic und Mladic verhaften wollen, dass das gegen die gesamte Nation gerichtet wäre. Die ultrarechten Parteien versuchen Angst und Furcht der Leute zu schüren, durch politische Inszenierungen ähnlich Tabloids. Schwere Worte, pompöse Cover - die Leute kaufen diese Medien.

dieStandard.at: Im Film spielen Frauen des bosnischen Frauenzentrums mit. Während des Krieges waren Frauenzentren für Kriegsopfer in Zagreb und Belgrad sehr aktiv. Die Militarisierung der Gesellschaft war ja auch in Belgrad zu spüren, wo viele Ehemänner plötzlich mit Waffe unter dem Kopfpolster schliefen ...

Karanovic: Ja, sicher. In allen Teilen Jugoslawiens kämpften Frauen aktiv gegen diese dunkle primitive patriarchale Seite der serbischen Nation an. Ich bin sehr stolz, dass es auch in Belgrad eine Menge Frauenorganisationen gab und gibt, die gegen Gewalt arbeiten - gegen primitives Denken und Verhalten.

dieStandard.at: Im Film wird quasi nur im Notfall geredet. Die Filmsprache ist minimalistisch und reduziert. Doch die Schriftstellerin Dubravka Ugresic sagte in einem Interview, dass die (ex)jugoslawische Sprache endlich vom reinen Ausdrücken von Gefühlszuständen weggehen müsse - hin zu den Fakten...

Karanovic: Das Hauptproblem ist das Fehlen von Kommunikation. In allen diesen neuen Ländern gibt es Interessensgruppen an der Macht, die es nicht mögen, wenn Menschen verschiedener Nationen wieder zu kommunizieren beginnen. Sie wollen, dass wir in getrennten Ländern, geteilten Gesellschaften leben. Auf offizieller Ebene findet äußerst selten Kommunikation statt. Jetzt liegt es an den individuellen Menschen mit der Verständigung zu beginnen, Verbindungen aufzubauen. Der Weg ist frei. Momentan scheint es eine Art Wettbewerb, einen Kampf innerhalb der politischen Führungen zu geben, wer als erster in die EU kommt. Doch jeder glorifiziert seine eigene Nation und den Rest seiner Leute. Ich mag das nicht und kämpfe seit einem Jahrzehnt dagegen an. Ich arbeitete vor zwei Jahren in Kroatien und jetzt in Bosnien.

dieStandard.at: Sie spielten in Kusturicas "Papa ist auf Dienstreise" und in "Underground". Wie sehen Sie Emir Kusturicas Regiestil, im Vergleich zu dem von Jasmila Zbanic?

Karanovic: Die beiden besitzen sehr unterschiedliche Arten von Energie und sind schwer zu vergleichen, vor allem haben sie ein unterschiedliches Geschlecht. Kusturica ist sehr fordernd, er macht eine Szene so lange immer wieder, bis er völlig zufrieden ist. Er benutzt den Film, um eigene Geschichten auszudrücken, die er schon lange mit sich herum trägt. Jasmila macht eine Menge Vorbereitungen, mit Emir schießen wir einfach eine Woche lang die gleiche Szene.

Mit Jasmila gibt es eine Menge Konversation, Proben, Tests, Überlegungen. Wir riefen uns mitten in der Nacht an, nur weil ich mich mit Gedanken herum schlug, die ich selber nicht erklären konnte. Frauen versuchen üblicherweise voll Energie das Haus aufzuräumen und alles vorzubereiten, bevor die Gäste kommen. Wir improvisierten nur wenig, aber ich wusste jeden Tag vorher, was ich machen werde. Jasmila ist stärker auf die Schauspielerinnen und Schauspieler fixiert, Emir macht mehr einen Plan, was hinter den Schauspielern passiert. Er eröffnet eine zweite, eine dritte Front (lacht). Kusturica arbeitet immer gleichzeitig in drei Richtungen.

Gastautorin Kerstin Kellermann ist Redakteurin der Kunstzeitschrift "art in migration" und ständige Freie beim Augustin.
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    Mirjana Karanovic bei der 56. Berlinale in Berlin (Archivbild vom 12. Februar 2006)
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