Porträt: Ang Lee

6. März 2006, 12:07
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Erster Oscar für asiatischen Regisseur - Nach zahlreichen Nominierungen nun mit "Brokeback Mountain" erfolgreich

Wien - Mit 51 Jahren hat es Ang Lee geschafft: Zählte er schon seit Jahren zu den besten Regisseuren der Welt, wurde dem gebürtigen Taiwanesen bei der 78. Oscar-Verleihung in Los Angeles nun die größte Ehre für einen Filmemacher in Hollywood zuteil. Lee erhielt für "Brokeback Mountain" als erster Regisseur asiatischer Herkunft einen Oscar und setzte sich dabei immerhin gegen US-Lieblinge wie George Clooney und Steven Spielberg durch. Die Auszeichnung widmete er seinem kürzlich verstorbenen Vater, seiner Familie sowie Taiwan, Hongkong und China.

Ang Lee kam 1954 zur Welt und wuchs in Pingtung in Taiwan auf. Bereits mit 21 Jahren schloss er die Nationale Kunsthochschule ab. 1978 wagte er den Sprung nach Amerika und studierte Theaterregie in Illinois sowie Filmproduktion in New York. Dort assistierte er unter anderem Spike Lee und schrieb mehrere Drehbücher. Mit "Pushing Hands" verwirklichte er 1992 seinen ersten Film, eine Tragikomödie über kulturelle und generationenbedingte Konflikte.

"Eat Drink Man Woman" sorgte 1994 für seinen Durchbruch in Hollywood

Zum selben Thema - aber bereits mit einer homosexuellen Komponente - machte Lee seinen zweiten Film, "The Wedding Banquet", der ihm gleich Golden Globe- und Oscar-Nominierungen einbrachte und mit dem er den Goldenen Bären bei der Berlinale gewann. Der abschließende Teil der Trilogie, "Eat Drink Man Woman", sorgte 1994 schließlich für den Durchbruch. Eine Oscar-Nominierung für den Besten Ausländischen Film folgte und öffnete Lee in Hollywood alle Tore.

Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit"

1995 drehte er den ersten Hollywood-Mainstream-Film, die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" mit Emma Thompson: eine Oscar-Nominierung für den Besten Film und der Oscar für das Beste Drehbuch sowie zahlreiche Auszeichnung als Bester Regisseur waren das Resultat. Mit der Rick Moody-Adaption "Der Eissturm" (1997, mit Kevin Kline) und dem Bürgerkriegsfilm "Ride With The Devil" (1999) blieb Ang Lee westlichen Themen treu und erhielt viel Kritikerlob.

Ein Jahr später widmete er sich wieder einem asiatischen Stoff und schuf eines seiner größten Werke: "Crouching Tiger, Hidden Dragon" ist ein epischer und äußerst ästhetischer Martial-Arts-Film, für den der Taiwanese sowohl für den Regie-Oscar als auch für jenen für den Besten Film nominiert war, ohne letztlich wenigstens eine dieser beiden Trophäen mit nach Hause nehmen zu können. Auf die Frage, ob er einen solchen Film nicht auch auf Englisch machen könne, antwortete Lee damals lapidar: "Das wäre für mich dasselbe, als wenn John Wayne in einem Western Chinesisch sprechen würde."

An der Spitze der Top-Regisseure

Nach dem Kurzfilm "Hire: The Chosen" (2001) und "Hulk" (2003), für die er auch einige Kritik einstecken musste, ist Ang Lee nun mit "Brokeback Mountain" an der Spitze der Top-Regisseure angelangt. Der Schwulen-Western war so was wie ein perfektes Comeback, vor der Oscar-Verleihung gab sich Lee aber inzwischen abgeklärt: "Ich war beim letzten Mal (Anm.: mit "Crouching Tiger, Hidden Dragon") nervös, wahrscheinlich weil die kulturelle Mission auf meinen Schultern ruhte, den chinesischsprachigen Film neu zu beleben." Nun sei er ganz ruhig, meinte er noch wenige Tage vor der Oscar-Verleihung.

Auch wenn "Brokeback Mountain" den Erwartungen nach den acht Nominierungen schließlich nicht ganz gerecht wurde, für den Regie-Oscar hat es auf jeden Fall nun doch gereicht. Im Kodak Theatre strahlte Ang Lee deshalb auch über das ganze Gesicht. Der Vater zweier Kinder (Lee ist seit 1983 mit Jane Lin verheiratet) wirkte erleichtert und dankte der Academy und den zwei Hauptfiguren der Kurzgeschichte von Annie Proulx: nicht weil sie so viel über homosexuelle Menschen gelehrt hätten, sondern, was viel wichtiger sei, weil sie etwas über die Größe der Liebe selbst gelehrt hätten. Und damit kam der große Asiate auch im konservativen Teil Hollywoods bestimmt gut an. (APA)

  • Artikelbild
    foto: photo/mark j. terrill
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