Der Mann im Stiegenhaus

7. März 2006, 17:47
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Er war groß, betrunken und kackte unter die Briefkästen – aber sonst war er eigentlich ganz nett

Es war vor zwei Wochen am späteren Abend. Da hat mich N. aus der Wohnung geklingelt: Ob ich wüsste, wie der Freund unserer Nachbarin aussähe – weil sie nicht so wisse, was sie mit dem Mann da draußen tun solle. Und als ich N. – vermutlich ratlos – anschaute, machte sie unsere Vorzimmertüre auf: Im Stiegenhaus lag einer. Und schlief. Tief und fest. Und seinen Kopf hatte er auf der Fußmatte unserer Nachbarin gebettet.

N. ist meine andere Nachbarin. Sie und C., ihr Mann, teilen sich mit A. und mir ein Vorzimmer. Das hat drei Türen: Zwei zu unseren Wohnungen, eine ins Stiegenhaus. Das hat Vor- und Nachteile. Etwa, dass es da einen Puffer- (oder Lager-)raum gibt. Oder dass immer nur ein Werbesackerl entsorgt werden muss. Zu den Nachteilen gehört, dass es Boten und Briefträgern egal ist, dass da zwei Klingeln mit Namensschildern sind: Es wird prinzipiell überall geläutet.

Vorzimmerberatung

Dass der Unbekannte nicht direkt vor unseren Wohnungen, sondern nur vor unserem Vorzimmer lag, war irgendwie doch ein Vorteil: Wir beraten, was wir nun tun sollten, waren nicht in unseren Wohnungen und trotzdem nicht bei ihm. Und dass der ungepflegte Mann tatsächlich der Freund unserer (gerade abwesenden anwesenden) dritten Stockwerksnachbarin (die kein Teil unserer Vorzimmer-Kommune ist) wäre, schien unwahrscheinlich. Aber auch dann hätten wir ihn hier nicht liegen lassen können.

Blöderweise war der etwa 55-Jährige aber nicht nur ziemlich ungepflegt, sondern – allem Anschein nach – auch noch ziemlich groß und bullig. Außerdem hatte er die Hose geöffnet und bis zu den Knien herunter gelassen. Mit einer Hand bedeckte er sein Geschlecht, die andere hatte er zwischen Kopf und Fußmatte geschoben. Er schnarchte – und stank. Nicht nur nach Alkohol.

Weckdienst

Ich zog Arbeitshandschuhe an. Und gab auch C. ein Paar. Außerdem war ich heilfroh, dass C. gerade nach Hause gekommen war: C. ist zwar kein Hüne, aber Bodyguard eines Botschafters. Das zählt in solchen Momenten mehr als meine Spanisch- oder seine Deutschkenntnisse. Dann stupste ich den Schläfer an der Schulter an: „Guten Morgen!“

Der Mann knurrte: Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Ich rüttelte an seiner Schulter: Er solle aufstehen und gehen – und wenn er das nicht freiwillig täte, würde ich die Polizei rufen. Der Mann versuchte sich aufzurichten: „Ich bin die Polizei.“ Dann sah er uns an. „Nein, das stimmt nicht. In Wirklichkeit bin ich ein Steirer - das ist viel mehr wert,“ lallte er in einem breiten Dialekt.

Zuhause

C. und ich gratulierten dem Betrunkenen zu dieser Heimat-Großtat – und erklärten, dass er trotzdem nicht in unserem Stiegenhaus schlafen dürfe. Der Fremde antwortetebeigentlich logisch: „Warum nicht? Alle anderen Haustore waren zu, hier war offen – also bin ich hier willkommen und darf hier schlafen.“ Damit wollte er es sich wieder bequem machen.

Ich kam ihm zuvor. Gleichzeitig mit C.: Wir griffen dem Mann unter die Achseln und zogen ihn hoch. C. lächelte einfach freundlich – und ich laberte irgendwas davon, dass er sich wohl in der Gasse geirrt habe. Die Steiermark sei ein Stückerl weiter von der U-Bahn-Station entfernt. Er müsse sich halt durchfragen. Damit begleiteten wir den Betrunkenen (er war wirklich einen halben Kopf größer als ich) die Stiegen hinunter und zur Haustür. Er wehrte sich nicht.

Plumpsklo

Nur bei den Hausbriefkästen sträubte er sich: Er habe seine Hose doch schon offen – und offensichtlich habe hier kürzlich wer hingekackt, hingepisst und hingekotzt. Er müsse jetzt auch. Dabei zeigte er auf einen Fleck samt Haufen im Halbdunkel – C. und mir schliefen die bis dahin betont harmlos-freundlichen Grinser ein. Aber weil der Betrunkene versuchte, seinen Schwanz aus dem Gewirr aus Gürtel, offener Hose und Unterhose zu befreien, zerrten wir ihn rasch weiter und setzten ihn vor die Haustür: „Die Steiermark“, sagte ich und zeigte in irgendeine Richtung, „ist dort.“ Dann wartete ich, bis der Mann (er bedankte sich artig für den Hinweis) ein Stück weit weg war.

Als wir dann wieder im gemeinsamen Vorzimmer standen (da die Hausmeisterin – wie immer in solchen Fällen – nicht zu finden war, hatte eine andere Nachbarin inzwischen Sägemehl über die Ausscheidungen gestreut – den Rest, waren wir uns einig, würden wir aber doch der Putztkolonne überlassen), wurde N. dann nachdenklich: Ob es wirklich richtig gewesen sei, den Betrunkenen rauszuwerfen, fragte sie. Schließlich sei doch Winter.

C. zuckte mit den Schultern ging sich die Hände waschen. Ich sagte N., dass sie den Mann sicher einholen könne – aber wenn sie ihn in die Wohnung holen wolle, würde sich C. alleine plagen müssen. N. war ganz offensichtlich gekränkt und knallte die Tür zu – drum konnte ich ihr nicht mehr sagen, dass ich sie verstünde. Mehr als sie wüßte: Vor zehn Jahren – also in N.s Alter – hätte ich auch ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber an meinem Verhalten hätte das trotzdem nichts geändert. So wie bei ihr auch. Aber vermutlich, sagte ich mir dann, hätte N. auf moralisierende Altherren-Reminiszent keinen all zu großen Wert gelegt. Ich selbst hätte mir das vor zehn Jahren jedenfalls ganz bestimmt nicht sagen lassen wollen.

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