In der Sandkiste

31. Jänner 2007, 14:11
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Josef Edhofer und Walter Wagner von der Polizeiinspektion "Am Schöpfwerk", wo Nachbarschaftskonflikte der Grund für jeden dritten Einsatz sind, im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Wie viel Arbeit machen streitlustige Nachbarn der Polizei?

Josef Edhofer: Sehr viel. Konflikte in der Nachbarschaft machen etwa 30 Prozent der Einsätze aus. Da handelt es sich in erster Linie natürlich um kleine Streitereien wie zum Beispiel durch Lärmbelästigungen.

STANDARD: Die Menschen sprechen nicht miteinander?

Edhofer: Nein, noch bevor die Nachbarn miteinander reden, wird schon die Polizei angerufen - meist sogar der Notruf 133. Manches ist dabei wirklich nichts für uns: Das können sich die Leute dann beim Bezirksgericht, der Hausverwaltung oder dem Hausvertrauensmann ausmachen. Es gelingt auch nicht immer, mit dem angeblichen Verursacher Kontakt aufzunehmen, weil er gar nicht aufmacht.

STANDARD: Wenn ich nicht aufmache, ist schon wieder Schluss mit dem Polizeieinsatz?

Edhofer: Außer es wird ein Unfall angenommen, dann kann das zu Wohnungsöffnungen führen. Das ist allerdings selten der Fall.

Walter Wagner: Wenn aber der Grund des Einschreitens zum Beispiel hörbare laute Musik ist, und der macht nicht auf, muss man schon einschreiten. Ist aber nichts mehr zu hören, wenn wir da sind, können wir wenig machen.

STANDARD: Generell ist die Haltung also: Den kenn ich nicht, mit dem rede ich nichts, ich ruf die Polizei?

Edhofer: Vieles ist eine Vorurteilssache. Die sagen, das ist ein Ausländer. Oder den mag ich nicht, weil der ist immer lange auf. Und alle wälzen diese Probleme sehr schnell auf die Polizei ab. Wir sind dann Ordner, Schlichter und häufig so etwas wie Sozialarbeiter. Weil wir die Ersten vor Ort sind, leisten wir eigentlich sogar mehr Sozialarbeit als jede andere Organisation.

STANDARD: Sie arbeiten am Schöpfwerk, das ist eine riesige Wohnanlage.

Wagner: Im neuen Schöpfwerk wohnen in etwa 5000 bis 6000 Leute, es gibt 60 Stiegen. Das ist eine kleine Satellitenstadt.

STANDARD: Welche Rolle spielt da die Anonymität?

Wagner: Die spielt sicher eine Rolle. Wir kommen beide vom Land und wissen: Dort reden die Leute schon noch miteinander. Da ist man auch nicht so schnell mit einer Anzeige.

STANDARD: Eingebettet ist hier auch eine Kleingartenanlage. Schrebergärtner sind ja - zumindest nach dem Klischee - prädestiniert für Konflikte. Wie groß sind die Probleme dort?

Edhofer: Die Streitereien um überhängende Äste sind oft wirklich lustig, sie werden aber meist vereinsintern gelöst. In den Gemeinde- und Genossenschaftsbauten geht es sicher aggressiver zu.

STANDARD: Sind die Konflikte eher einmalig, oder gibt es auch Querulanten, die täglich anrufen?

Wagner: Querulanten gibt es natürlich, Leute, die gar nichts akzeptieren: keine spielenden Kinder, kein Ballspiel, auch wenn daneben ein kleiner Fußballplatz ist. Aber meist sehen auch die nach dem vierten oder fünften Einsatz ein, dass es nichts bringt, wenn sie sich aufregen.

Edhofer: Das Schöpfwerk ist eine Anlage mit sehr vielen Kindern, seit rund fünf Jahren auch mit sehr gemischtem Publikum. Früher wohnten im Gemeindebau ja nur Österreicher. Heute haben wir auch sehr viele Neo-Österreicher drinnen, da sind manche Konflikte vorprogrammiert.

STANDARD: Warum?

Edhofer: Es gibt schon klassische "Mundl", die der Meinung sind "Ich bin da der Platzhirsch, und die sind erst seit letztem Jahr hier, denen zeig ich's jetzt." Allerdings haben wir beobachtet, dass diese multikulturelle Wohnanlage eigentlich ein bisschen gewaltfreier als früher ist. Die Neo-Österreicher scheuen oft auch den Weg zur Polizei, die nehmen das eher in Kauf, wenn der Nachbar laut ist.

STANDARD: Gibt es sonst noch Unterschiede zu 1980, als der Bau eröffnet wurde?

Edhofer: Am auffälligsten ist sicher das Handy-Zeitalter, in dem wir leben. Wir hatten auch schon Kinder, die sich in der Sandkiste gestritten und dann mit ihrem Handy die Polizei angerufen haben.

STANDARD: Musik, spielende Kinder, hitzige Gespräche. Müssen Sie auch zu originelleren Formen der Lärmbelästigung?

Wagner: Beispielsweise wegen "Schlafzimmergeräuschen", oft ist es da auch nur der Neid. Oder weil jemand drei Minuten lang Schnitzel klopft. Dann gibt es auch tragische Fälle. Eine Dame hat öfter wegen der Bautätigkeit in der Nachbarwohnung angerufen. Sie hat das sogar auf Tonband aufgenommen und vorgespielt - es war aber nichts zu hören. Dann stellte sich heraus, dass die Dame einen Tinnitus hatte.

STANDARD: Mutwillige Bösartigkeiten unter den Bewohnern erleben Sie nicht?

Edhofer: Das ist wirklich äußerst selten. Einmal hatten wir zwei, die haben sich gegenseitig den Müll vor die Wohnungstüre geleert.

STANDARD: Und inwieweit sind Tiere ein Konfliktgrund?

Wagner: Hundehalter, die ihre Tiere frei herumlaufen lassen, sind ein Thema. Auch, wenn ein Hund in der Wohnung bellt, kann das sogar zur Wohnungsöffnung führen. In einer Anlage, wo 6000 Leute und 1000 Hunde wohnen, ist das nicht ohne. (DER STANDARD, ALBUM, 4./5.3.2006)

Das Gespräch führte Michael Möseneder.
  • Mit den Nachbarn hat Josef Edhofer von der Wiener Polizeiinspektion "Am Schöpfwerk" so seine Mühe.
    foto: standard/fischer

    Mit den Nachbarn hat Josef Edhofer von der Wiener Polizeiinspektion "Am Schöpfwerk" so seine Mühe.

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