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31. Jänner 2007, 14:11
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Als Biotope mit eigenen Gesetzen interessieren Nachbarschaften nicht nur Forscher - Von Michael Freund

Zum Thema wird, was verloren zu gehen droht. Über die Luft machen wir uns keine Gedanken, solange sie uns selbstverständlich umgibt. Wir setzen einen Fuß vor den anderen und gehen, als hätten wir es nie anders gewusst und könnten es ewig fortsetzen.

Der Verlust aber führt zum Nach-Denken. Und auch umgekehrt: Wer über die sich von selbst abspielenden Prozesse nachzudenken beginnt, kommt aus dem Trott, wird nicht mehr naiv weitergehen und -machen. There goes the neighborhood. Die Nachbarn sind auch nicht mehr, was sie einmal waren.

Aber waren sie es je? Schwer zu sagen im Rückblick. Mit der "Nachbarschaft" beschäftigen sich Forscher und Stammtischstrategen in oft recht ähnlicher Weise. Sie sehen sie als etwas, das verloren gegangen ist und, je nach Gemütslage, wieder zu errichten sei oder auch nicht, weil sowieso alles den Bach runtergeht.

Nah und erreichbar

Nachbarn bedeuten zunächst räumliche Nähe, Erreichbarkeit. Das allein ist schon ein dehnbarer Begriff. Er bedeutet in einer spärlich bewohnten Bauerngegend etwas anderes als im Wohnbau. Und Letzterer ist keine Garantie dafür, dass Nachbarliches auch gelebt wird - die regelmäßigen Berichte von seit Monaten verwesenden Leichnamen in Nachbarwohnungen, vor deren Tür sich die Wurfpost stapelt, belegen das. Daraus nostalgisch den Umkehrschluss zu ziehen, dass der prämoderne Mensch, eben der auf dem Bauernhof, die wahren Tugenden des Samariters, des guten Nachbarn gekannt hat, ist jedoch Wunschdenken. Wie es überhaupt zum Inventar der Gartenlauben-Philosophen zählt, die selbstlose wechselseitige Hilfe einst gegen die anonyme Selbstbezogenheit heute auszuspielen. Ein genauerer Blick auf die Usancen, sei es in Agrargemeinschaften, sei es bei den "urwüchsigen Wilden" ergibt, dass es seinerzeit ebensolche Formen von Konkurrenz und von Kooperation gegeben hat, wie wir sie heute und bei uns kennen.

Das macht Mut dazu, hinter die Klischees und darauf zu schauen, was das Nachbarliche heute ausmacht. Nähe gehört dazu, nicht nur wegen der Etymologie des Begriffs "Nachbar". Zwar ist viel die Rede von virtueller Nähe, seit Marshall McLuhan vom globalen Dorf gesprochen hat und seit seine Idee in Welt umspannende Internetforen und Chatrooms Eingang gefunden hat. Tatsächlich aber fehlt diesen Formen der Vertrautheit genau das Unmittelbare, das durch physische Nähe ermöglicht wird - es ist ja gerade vermittelt, in Lichtgeschwindigkeit hergestellt und ebenso schnell wieder abschaltbar. Das nimmt ihnen nicht ihren Wert, und es mag schon stimmen, dass, wie die einschlägige Forscherin Sherry Turkle predigt, hier völlig neue Formen von Intimität und erotischer Nähe möglich sind. Aber Nachbarn sehen anders aus.

Eher zum Beispiel so, wie man sie gerne hätte, wollte man die herbeigesehnte "Elite-Uni" wirklich mit Leben füllen. Alle kompetenten Beteiligten sind sich einig, dass eine physische Nähe der Forscher nicht nur zueinander, sondern auch zu anderen Wissenschaftern, konkret eine Ansiedelung unweit der Universität, von Vorteil wäre. Eine Verbindung von auch nur 25 Minuten, wie sie Aspern eines Tages bieten könnte, wird bereits als ziemlich hohe Schwelle gesehen, von der Anfahrt nach Gugging ganz zu schweigen. Campus heißt eben Hof, Feld, Gefilde, Platz, und die besten Bilder, um gute Ausbildungsstätten zu symbolisieren, zeigen, wie junge Menschen in kleinen Gruppen diskutierend beieinander sitzen oder quer über die Wiese von einem Institut zum anderen schlendern.

Zugehörig

Aber zur Nachbarschaft gehört mehr: die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Koordinatensystem. Innerhalb des großen Stadtplans ist sie die kleine mentale Landkarte, die hervorsticht, als wäre sie in Signalgelb eingezeichnet. Die dazugehören, kennen nicht nur jede Abkürzung und alle Winkel, die man vermeiden oder justament aufsuchen sollte. Sie wissen im Idealfall auch über das Beziehungsgeflecht Bescheid, das sich über das Straßennetz legt und die Nachbarn verbindet oder entzweit, jedenfalls nicht gleichgültig lässt - da der Bäcker, der die eben noch anwesende Kundin ausrichtet, dort der Halbwüchsige, der nie zur Schule, sondern gleich ins Café geht, und das Ehepaar auf Nummer 13 lebt längst in Scheidung, obwohl es noch so tut, als ob - eine Art Grätzlidylle eben.

Kurioserweise listet Wikipedia.de als eine der vier Bedeutungen von "Nachbarschaft": "in Wien Teile von Wohnbezirken - Nachbarschaften -, die Grätzl genannt werden." Unter beliebigen anderen Namen finden diese Biotope sich aber überall, vor allem in urbanen Zonen. Insbesondere die angelsächsische Sozialforschung spürt ihnen nach, den "hoods" und "burbs", "parishes" und "block parties", "street-corner societies" und "housing project associations". Wo bei den einen die ungeschriebenen, aber strikten Gesetze der Gangs herrschen, kümmern sich die anderen um den genau gemähten Rasen und das Einhalten des Verbots, Wäsche zum Trocknen im Freien aufzuhängen - die Grundstückpreise könnten sonst leiden, und wir sind hier in Naples, Florida, nicht in Neapel.

Wer nicht mitmacht, der macht mit, hat schon Georg Kreisler gesungen, und Tom Waits hat es weiter ausgemalt. Wo die Hunde die Mülltonnen umwerfen und der Baulärm dich stört, wo das Geschäft abgebrannt ist und die Zeitungen durch die Gegend segeln, wo die Presslufthämmer sich in den Gehsteig bohren und auch dieser Lärm dich stört und immer stören wird und du trotzdem nicht wegziehen wirst: Dort ist deine Nachbarschaft. (DER STANDARD, ALBUM, 4./5.3.2006)

Zur Person

Michael Freund studierte Psychologie und Soziologie. Er ist seit 1989 beim STANDARD und leitet das Media Communication Program der Webster University.
  • Artikelbild
    foto: standard/andy urban
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