Architekturfestival Turn On: Identität - der renitente Trotz

5. März 2006, 18:53
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Gibt es eine Identität österreichischer Gegenwartsarchitektur?

Wien - Wieder einmal füllte sich das Radiokulturhaus mit der beredten Disziplin der Architektur. Am Wochenende hatte die Universität für Angewandte Kunst zum vierten Mal zu diesem breit gestreuten Architekturfestival geladen. Mit von der vortragenden Partie waren PPAG, Innocad, Caramel, aber auch etwas personifizierte Namen wie Walter Angonese, Hermann Czech, Peter Cook, Jean Nouvel und viele andere mehr.

An die zwanzig Vorträge - beginnend mit Gedanken zum Wohnbau im außerwienerischen Österreich bis hin zu sozialem Wohnbau und kulturellen Bauten in Wien und Graz - spannten einen weiten Bogen, um damit letzten Endes nur eine einzige quirlige Frage zu beantworten: Gibt es eine Identität österreichischer Gegenwartsarchitektur?

Architektin Elsa Prochazka gewährte Einblick in den bürokratischen Dschungel des sozialen Wohnbaus, in dem sich in letzten Jahren sowohl Ausstattungsqualität als auch architektonische Qualität gebessert hätten. "Wien ist eine Stadt, in der der geförderte Wohnbau eine Selbstverständlichkeit ist, doch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass das gar nicht so selbstverständlich ist."

Auch Adolf Krischanitz beteuerte, dass es sich beim sozialen Wohnbau um ein Unikat handle, das es in der Form fast nur noch in Österreich gibt: "Vom Ausland her wird dieser skeptisch betrachtet, und sogar in Berlin wurde er bereits abgeschafft." Wohnbau - dieser anfängliche Konsens hat sich bald verfestigt - ist nicht zuletzt eine Frage des Machbaren, denn die Realität abseits konzeptioneller Träumerei ist hart.

Ist das also die allseits erwartete Antwort, die die Seele der hiesigen Architekturlandschaft auf den Punkt bringt? Den alteingesessenen Denkern ist das zu wenig. Bart Lootsma, Architekturtheoretiker an der Uni Innsbruck, Wolf Prix, Professor an der Angewandten, und Arno Ritter, Leiter des Tiroler Architekturhauses AUT, ließen sich auf eine identitätsstiftende Architekturdebatte ein.

"Man weiß, dass es hier zu Lande keine mehrheitliche Theorie gibt", erklärte Prix, "doch wenn man internationalen Einfluss haben will, dann muss man sich um eine theoretische Basis bemühen".

Und das ist offensichtlich leichter gesagt als getan. Denn, so Ritter: "Österreich ist kein theoriefähiges Land." Und dennoch scheint sich die österreichische Identität gut zu verkaufen. Lootsma: "Vor 20, 30 Jahren war Architektur noch viel nationaler. Heute sind wir in der Situation, dass wir Architektur gemeinsam vermarkten wollen."

Im sozialen Wohnbau ist das schon der Fall, wenngleich auf einem Niveau, das auf dem hochkarätigen Podium niemanden so recht hinter dem Ofen hervorlockt. Tatsache ist: Österreichische Architektur ist längst vermarktet und etabliert. Am Ende beißt sich die Katze in den Schwanz, denn Prix hat auf die Identitätsfrage schon eine Antwort gefunden: "Das typisch Österreichische ist das Provinzielle, nie über den Tellerrand hinauszuschauen. Der renitente Trotz ist eine Eigenheit von Österreich." (DER STANDARD, Printausgabe vom 6.3.2006)

Von
Wojciech Czaja
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