Ein Mann mit schneller Feder

27. März 2006, 19:04
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Charles Lewinskys musikalische Emigrationsrevue "Heimat, sweet Heimat" im Stadttheater Walfischgasse

Mit Charles Lewinsky hat das Stadttheater Walfischgasse zwar einen Bestsellerautor unter Vertrag. Seine musikalische Emigrationsrevue "Heimat, sweet Heimat" täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Schweizer auch für den Grand Prix der Volksmusik schrieb.


Wien - Der Ton macht die Musik. Aber: Der Ton macht auch die Literatur. Charles Lewinsky trifft ihn fast zu gut. Der 60-jährige Zürcher Autor, der mit der Musikrevue Heimat, sweet Heimat soeben das zweite Auftragswerk an das Wiener Stadttheater Walfischgasse lieferte, hat mit seinem kürzlich erschienenen, fast 800-seitigen Roman Melnitz auf Schweizer Bestsellerlisten John Irving und Henning Mankell auf ihre Plätze verwiesen. Die Taschenbuchrechte der jüdischen Familiensaga - mit der enormen Startauflage von 100.000 Exemplaren bei Nagel und Kimche - haben um einen Millionen-Euro-Betrag bereits den Besitzer gewechselt.

Liedtexter für Juhnke und Drehbuchautor für Schweizer Sitcoms

Bisher hat die Literaturkritik Charles Lewinsky kaum wahrgenommen, wohl weil er sich vorwiegend in der Unterhaltungsbranche verschanzte: als Liedtexter für Harald Juhnke und den Grand Prix der Volksmusik oder als Drehbuchautor für Schweizer Sitcoms. Oliver Hirschbiegels demnächst mit Ben Becker in der Hauptrolle anlaufender Film Ein ganz gewöhnlicher Jude geht ebenfalls auf ein Buch Lewinskys zurück. Das Werk steht zwar schon unter Kitschverdacht, so wie auch die "Melnitz"-Kritiken nicht einwandfrei sind, doch es läuft.

Es kann also gar nicht falsch sein, sich des erfolgreichen Tones, den Lewinsky derzeit trifft, zu bedienen. Ein Ton, der den Anstand der Moral, die Ironie dem Leid vorzieht. Das Stadttheater Walfischgasse unter der Leitung von Anita Ammersfeld tut es seit der Eröffnung des Hauses im vergangenen April. Da schrieb und inszenierte Lewinsky eine Hommage an jüdische Wiener Bühnenkünstler.

"Heimat, sweet Heimat": Schmerz der jüdischen Emigration und New Yorker Kaffeehausnächte

Jetzt, in "Heimat, sweet Heimat", erzählt Lewinsky vom Schmerz der jüdischen Emigration, von New Yorker Kaffeehausnächten, in denen die verlorene Heimat immer wieder über das knapp nicht verlorene Leben triumphiert. Das Singspiel speist sich ganz aus der diesem alten und zerstörten Zuhause gegenüber empfundenen Sentimentalität. Und es findet in der Inszenierung Hanspeter Horners aus dieser historischen Umklammerung auch nicht heraus.

Anita Ammersfeld (erstmals als Akteurin am eigenen Haus) schwingt als New Yorker Kaffeehausbetreiberin Frau Schramek anno 1941 den Glockenrock zu Evergreens wie Powidltatschkerln (musikalische Leitung: Roman Grinberg). Den Dank an das Aufnahmeland Amerika spannt man als große USA-Flagge über die Bühne. Aktuell wird man ausgerechnet beim leidigen Thema Mozart.

In diesem Stück geschichtlicher Befangenheit, in dem sich "Seemacht" auf "Kaffee macht" reimt, blieb Lewinsky (unter Mitarbeit von Sabine Pribil) aber ohnehin nur übrig, Lieder von Hermann Leopoldi, Friedrich Hollaender oder Gerhard Bronner in einen simplen dramaturgischen Ablauf einzupassen: Kaffeehausbetreiberin, Kellner und Pianist trotzen nach der Sperrstunde singend den neuen Lebensumständen und retten schließlich einen deutschen Kommunisten vor dem Selbstmord am Klo.

Aus all dem ragt Kellner Johann (Helmut Wallner) als ewiger Mensch heraus: Er ist das Herzstück dieses am Trash schrammenden Abends, auch dann, wenn Frau Schramek im Geschirrtuchdirndl das Weiße Rössl am Central Park ausruft. (DER STANDARD, Printausgabe vom 6.3.2006)

Von
Margarete Affenzeller
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