Blairs Getreue und das große Geld

12. März 2006, 20:48
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Kultur- und Sportministerin Tessa Jowell trennt sich von David Mills, ihrem durch ein Geschenk Berlusconis kompromittierten Gatten

Es ist ein Drama von Shakespeare'schem Format. Tessa Jowell, britische Ministerin für Kultur und Sport, trennt sich nach 27 Ehejahren von David Mills, ihrem durch ein Geschenk Silvio Berlusconis kompromittierten Gatten.

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"Sie will nur ihre Haut retten", zischen die Zyniker unter den Kommentatoren. Tatsächlich drängt sich der Verdacht auf, dass die britische Kultur- und Sportministerin Tessa Jowell ihrem skandalumwitterten Ehepartner David Mills den Laufpass nur gibt, um sich und dem Rest des Kabinetts weiteren Ärger zu ersparen. Sie würde sich "vor einen Bus werfen, um Tony zu retten", hat sie ihr Treueverhältnis zu Tony Blair, dem Premier, einmal beschrieben. Mills wiederum wusch sie von jeder Schuld frei. Er sei erschüttert, welche Unannehmlichkeiten er seiner Frau bereitet habe, ließ er erklären. "Hoffentlich kann man die Beziehung mit der Zeit wieder kitten."

Es geht um Geld, um 600.000 Dollar (500.000 Euro), nicht versteuert. Die Ministerin will nicht gewusst haben, dass ihr Mann vor sechs Jahren ein pekuniäres Geschenk aus Italien erhielt, groß genug, um auf einen Schlag die Hypothek zu tilgen, die auf dem Londoner Wohnhaus des Ehepaars lastete. Den Kreditantrag für die Immobilie hatte sie zwar mit unterschrieben, aber dass die Anleihe schon Wochen später zurückgezahlt wurde, war ihr angeblich nicht bekannt.

Fürstlich belohnt

Zum Politikum wird die Geschichte schon allein durch einen Namen: Silvio Berlusconi. Vor gut 25 Jahren begann Mills, ein hochkarätiger Anwalt, für den italienischen Medienmagnaten und heutigen Premier zu arbeiten. Damit Berlusconi, mit Filmrechten handelnd, seine Gewinne am Fiskus vorbeischleusen konnte, half ihm der Brite, ein verzweigtes Firmenimperium zu bauen. Von der Schweiz über Gibraltar bis zu den Virgin Islands reichte das Netz der Briefkastenfirmen. 1997 und 1998 sagte Mills vor italienischen Richtern zugunsten seines Mandanten aus, ersparte "Mr. B" damit eine Menge Ärger, wie er notierte, und wurde fürstlich belohnt.

Über diverse Offshore-Konten flossen die 600.000 Dollar an die Themse, wo der Anwalt sie abhob, um seine Hypothek abzuzahlen. Zwar bestreitet er immer noch, dass es so war, doch längst zieht der Skandal seine Kreise. Und was neben dem dubiosen Dollarscheck auf dem Prüfstand steht, ist die Nähe der Labour-Partei zum großen Geld.

Kein Einzelfall

Tessa Jowell ist nicht die Erste, die deshalb in die Bredouille gerät. Peter Mandelson, heute EU-Kommissar, musste einst seinen Hut nehmen, weil er zwei indischen Geschäftsleuten verblüffend schnell zu britischen Pässen verhalf. David Blunkett, einer der Stars in Blairs Riege, stolperte über einen anrüchigen Aktienkauf. Er hatte Papiere einer Biotechnik-Firma erworben, deren Wert bald in die Höhe schnellte, weil das Unternehmen von öffentlichen Aufträgen profitierte.

"Was ist da nur bei New Labour und dem Geld?", fragt Andrew Rawnsley im Observer und gibt eine Antwort: "Blairs Leute verbringen zu viel Zeit mit sehr reichen Leuten, und dann sehnen sie sich danach, im selben Luxus zu leben." Allerdings legt der britische Anstandskodex die Latte recht hoch. Um Interessenkonflikte von vornherein zu vermeiden, müssen Minister Geldzuwendungen auch dann angeben, wenn sie auf dem Konto des Ehegatten landen. Falls sie davon erfahren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.3.2006)

Frank Herrmann aus London
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    David Mills (hier beim Enteisen eines Autofensters vor seinem Wohnhaus im Norden Londons), hat Geld von Berlusconi genommen und muss nun den Laufpass hinnehmen ...

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    ... den ihm seine ministerielle Ehefrau Tessa Jowell (beim Verlassen von Downing Street Nr. 10) gezwungenermaßen gegeben hat.

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