Eine Bremse für übereifrige Helferzellen

3. März 2006, 19:40
posten

Immunforscherin Barbara Bohle untersucht T-Zellen und ihre Bedeutung für Allergien

Fast ein Fünftel aller Österreicherinnen und Österreicher leidet an Allergien mit Symptomen von lästig bis lebensgefährlich. Barbara Bohle, Leiterin der Arbeitsgruppe "Allergieforschung" am Institut für Pathophysiologie der Medizinischen Uni in Wien, erforscht Typ-1-Allergien, die sofort nach Kontakt mit dem Auslöser in Form von Heuschnupfen, Asthma oder gar einem Anaphylaktischen Schock auftreten.

Die Symptome werden durch zu viel Immunglobulin E (IgE) im Blut verursacht, welches wiederum von B-Lymphozyten produziert wird. Bisher konzentrierte sich die Forschung nur auf diese übereifrigen Blutkörperchen. "Aber ohne die Botenstoffe der T-Lymphozyten produzieren die B-Helferzellen den Antikörper gar nicht", erläutert die Vorarlberger Wissenschafterin. Also analysierte die Immunologin die Signalkette umfassender und fand heraus, "dass die IgE-Produktion durch einen Überschuss von T-Zellen des Typs 2 gegenüber dem Typ 1 zustande kommt." Eine Allergieimpfung kann künftig helfen, dieses Verhältnis auszugleichen.

Wem durch Birkenpollen die Nase rinnt, der reagiert oft auch auf Äpfel, Nüsse oder Steinobst. Ein weiteres Ergebnis der Arbeitsgruppe von Barbara Bohle ist, dass T-Zellen "Allergene an kurzen Aminosäureabschnitten erkennen, die Pollen und Lebensmittel oft gemeinsam haben." Die Kreuzallergien können also "eine saisonale Reaktion des Immunsystems das ganze Jahr über in Gang halten", erklärt Barbara Bohle.

Ihr Weg in ihre mehrfach ausgezeichnete Allergieforschung begann im Labor. Nach der Matura konnte sich Barbara Bohle "zunächst für kein Studium entscheiden." Am nächsten lag der 1967 Geborenen eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Analytikerin (MTA). Mit dem Abschluss in der Tasche fing sie am Institut für Pathophysiologie zu arbeiten an und erweiterte ihr Wissen nebenbei an der Uni für Bodenkultur. Als Diplomingenieurin für Lebensmittel- und Biotechnologie habilitierte sie sich anschließend noch im Fach Immunologie. Auf dem Weg vom Labor in die Leitungsposition an der Medizinuniversität wurden ihre Forschungsarbeiten vielfach gewürdigt, zuletzt mit dem Novartis Preis 2005 für Biologie.

Die Motivation fließt nicht aus der eigenen Erfahrung mit Heuschnupfen, sondern aus einem Alltagsphänomen: Die Vorstellung deckt sich nicht immer mit dem Ergebnis. "Bei Experimenten muss man geistig flexibel bleiben, Ergebnisse deuten und in diese Richtung weiter machen", schwärmt Bohle, für die Neugier zum Beruf gehört. "Leider kann ich nur noch selten selbst Hand anlegen", denn viel Zeit verbringt sie schon mit Bürokratie, Projektanträgen, Datenauswertung und Publikationen.

Zum Abschalten geht die Immunforscherin gerne ins Kino, lebt gut ohne TV, aber mit Hörspielen. Nur sibirische Minusgrade halten sie vom Radfahren ab, Österreich hat sie bereits zweimal vom Neusiedler- bis zum Bodensee auf dem Rad durchquert. Als "Kind der Berge" geht sie im Sommer wandern und im Winter Ski fahren, ganzjährig bekocht sie Freunde - dafür sind auch keine Pipetten nötig. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print, 4./4.3.2006)

  • Artikelbild
    standard
Share if you care.