"Wir müssen die Türen öffnen"

3. März 2006, 19:50
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Role Models aus Technik und IT diskutieren im aktuellen Karrierenforum Wege für Mädchen und Frauen in diese Branchen

"Wir suchen Frauen, weil wir gemischte Teams wollen, wir finden aber keine." – Ob Mechatronikerinnen gesucht werden oder IT-Konzerne weiblichen Nachwuchs suchen, das Problem ist dasselbe. "Kunden wollen Frauen, und ich kann ihnen keine Kandidatinnen präsentieren", sagt Gabriele Lehner, die mit ihren Lehner Executive Partners auf IT in der Personalsuche spezialisiert ist. "Wir haben keine Bewerbungen, maximal für das Sekretariat", so Tina Reisenbichler, Mitglied der Geschäftsführung in der T-Systems.

"Die Frauen glauben, dass gerade diese Branche sie nicht will." Gerade im IT-Bereich werden aber so genannte weibliche Stärken gesucht, eben Empathie, Kreativität. Dabei gehe es nicht nur um‑ Sales-Positionen, der Ruf nach Frauen ziehe sich durch alle Bereiche: Schließlich würden Frauen Programme auch anders schreiben, die Kundenstrukturen verlangten gemischte Teams, so Lehner.

Die Runde macht Mängel im System schon sehr früh fest: Trotz "Töchtertagen" und anderen Programmen, die Mädchen in technische Berufe locken sollen, fehle die Information, fehlten die Berufsbilder. Gabriele Zuna-Kratky, Direktorin des Technischen Museum Wien: "Die paar, die es schaffen, fallen spätestens dann heraus, wenn sich die Vereinbarkeitsfrage mit der Familie stellt." Auch da unisono: Die beste Förderung bestehe im möglichst lückenlosen und qualitativ hochwertigen Angebot für Kinderbetreuung.

Weitere Einigkeit: Das Gesetz zur Elternteilzeitkarenz wird sehr kritisch gesehen und sei in seiner Auswirkung eher kontraproduktiv. Brigitte Piwonka, Agenturinhaberin und Initiatorin des IT Salon Pour Elle, eine Netzwerkplattform, bringt auch den "Unmut der Öffentlichkeit" gegenüber engagiert berufstätigen Müttern in die Diskussion. "Harte Haut, Role Models und Netzwerke", so Sabine Fleischmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Microsoft Österreich, seien wohl Grundvoraussetzungen für Frauen auf Karrierewegen, besonders in so stark männlich dominierten Branchen, die teilweise noch voll Klischees stecken. Sie sieht an jungen Frauen "mangelndes Selbstbewusstsein, ich meine damit nicht Bescheidenheit". Da sei die behutsame Hand von Personalverantwortlichen gefragt. Reisenbichler stimmt zu: "Frauen müssen eben manchmal eine Spur anders gefördert werden als Männer."

Lehner sieht das auch an den Bewerbungen: "Die Bewerbungen von Frauen sind um vieles dezenter als die von Männern. Und: Spätestens bei der Frage nach der Vereinbarkeit mit dem möglichen neuen Job bricht oft Panik aus."

Gabriele Zuna hat spezifisch gute Erfahrungen: Seit keine "Hardline-Techniker" mehr die Ausstellungen gestalten, sagt sie, "haben wir 52 Prozent Frauen als Besucher. Frauen haben da ein wesentlich breiteres Gesichtsfeld bewiesen".

Um die Berufsbilder zu transportieren, so alle unisono, müsse man möglichst breit die Türen in die Unternehmen öffnen und möglichst früh informieren. Zuna: "Bei uns haben Kindergärten beispielsweise freien Eintritt. Die sollen sich alles anschauen, auch unsere Werkstätten."

Reisenbichler sieht als zentrale Aufgabe, die Mädchen zu ermutigen statt zu bremsen: "Wir haben im Kindergarten ganz bewusst Bauecken und Technikecken für Mädchen." Piwonka sieht in der Lehrerbildung einen zentralen Ansatzpunkt.

Frauenspezifisches nimmt breiten Raum ein: Es geht um die wohl bekannten Schuldgefühle, als Mutter auch noch einen anspruchsvollen Job machen zu wollen und um das ebenfalls wohl bekannte schlechte Gewissen. Reisenbichler: "Wir müssen die Frauen ermutigen, sich auch etwas zu gönnen, auf sich stolz zu sein. Und unseren Kindern beibringen, dass uns Arbeit Spaß macht." Dies sagt sie vor ihrem Erfahrungshorizont als Großmutter.

Klassische Karrierefallen konnten die erfahrenen Frauen in Mengen auflisten: Für Gabriele Zuna ist es vor allem der Verzicht der Frauen auf Machtinsignien. Frauen, so Zuna, sind versucht, selbst aufzuspringen, wenn etwas fehlt, statt es zu ordern. Statusverhalten sei zentral, wenn man in gewissen Positionen auch ernst genommen werden will. "Man muss die Regeln kennen und beachten – brechen sollte man sie nur bewusst."

Auftreten und sich sichtbar machen ist für alle Frauen ein zentraler Punkt, der die falsche Bescheidenheit ersetzen sollte. "Fehlende Netzwerke", sagt Lehner. Darin liege viel Kraft. Zuna: "Ja, aber wenn man seine Kinder selbst ins Bett bringen will, lässt sich das nur schwer machen." Vorschlag: Einen klassischen Arbeitstermin am Abend durch ein Netzwerktreffen ersetzen.

Ihre Vorbildfunktion sehen die Frauen durchwegs als Gratwanderung zur Kopieranleitung. Da müsse man sehr aufpassen, so Reisenbichler. Lehner: "Insgesamt ist das Kopieren männlicher Strategien ein Fallstrick. Softskills machen den Erfolg."

Fleischmann: "Mit der dauernden Sorge, was die anderen denken könnten, kommt man jedenfalls keinen Schritt weiter. Feedback ist wohl auch von ganz außen wichtig. Das allerdings auf Basis einer festen Selbsteinschätzung."

Einhellig bezeichnen die Frauen als Fallstrick, sofort immer die Kinder aufs Tapet zu bringen. Der gute Rat: Statt "ich muss in den Kindergarten" reiche ein neutrales "ich habe jetzt noch einen Termin". Insgesamt wird "zu viel kommunizieren" als Gefahr für Frauen gesehen. Vor allem in Führungspositionen sollten sich Frauen nicht in Erklärungen verlieren.

Der positive Abschluss: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich für Frauen sehr viel verändert – auch wenn die Ziele noch nicht erreicht sind und wirtschaftlicher Druck bisweilen zu Rückschlägen führt. Die versammelten Frauen jedenfalls haben ausreichend Power, ihre Rolle als Vorbilder aktiv zu leben. (Karin Bauer, DER STANDARD, Print, 4./4.3.2006)

  • Weg von Klischees, schlechtem Gewissen gegenüber den Kindern, raus aus Karrierefallen: Frauen brauchen Frauen als Vorbilder.
    foto: standard/fischer
    Weg von Klischees, schlechtem Gewissen gegenüber den Kindern, raus aus Karrierefallen: Frauen brauchen Frauen als Vorbilder.
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