Geister und Grashalme

10. März 2006, 12:44
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Michael Cunninghams kunstvoller Roman "Helle Tage" bildet ein Triptychon aus Vergangenheit, Gegenwart und ferner Zukunft

Drei Geschichten aus der Stadt New York, verbunden durch eine vage Wiederholung der Schicksale und durch Zitate aus dem Werk Walt Whitmans, so konstruiert Michael Cunningham seinen neuen Roman. Ein ähnliches Prinzip verwendete er auch schon in seinem Werk Die Stunden, für das er den Pulitzerpreis bekommen hat.

Die Stunden kreiste um den Mittelpunkt Virginia Woolf; diesmal hat sich Cunningham einen der großen Visionäre als Leitstern ausgesucht. "Eigentlich war Whitman ein Ekstatiker. Er war eine Art Derwisch . . . Whitman liebte einfach das, was da war", lässt Cunningham eine seiner Figuren sagen, und in der Tat sind die Zitate aus Grashalme von großer Tröstlichkeit und einer Art allumfassender Güte.

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in der wachsenden Industrialisierung, nimmt ein verkrüppelter Dreizehnjähriger den Platz seines Bruders in der Fabrik ein. Er arbeitet an derselben Maschine, die seinen Bruder einige Tage vor dessen Hochzeit getötet hat. Lucas ist nicht nur verwachsen, er ist auch absonderlich, denn er spricht meistens in Zitaten von Walt Whitman, und dann bildet er sich auch noch ein, die schwangere Verlobte des Bruders retten zu müssen. Der erste Teil des Buches ist wohl der düsterste, aber er ist dennoch geprägt von einer inneren Helligkeit, einer Poesie, die den Impetus des Dichters Whitman trägt und von ihr getragen wird.

Der zweite Teil führt in eine verunsicherte Stadt nach dem 11. September. Die Menschen reagieren heftig auf Terrorgefahren; es tauchen Kinder mit Sprengstoffgürteln auf, die anscheinend wahllos irgendwelche Erwachsenen umarmen und sich mit ihnen in die Luft sprengen. Die Polizeipsychologin Cat sitzt Tag für Tag am Krisentelefon. Hier schwappen all die Stimmen der Paranoiker, der Unglücklichen und der Einsamen an ihr Ohr, der ganze Irrsinn einer Millionenstadt.

Schnitt: Im dritten Teil ist die Zivilisation am Ende. In einer postatomaren Welt zerfallen die Gebäude und die Infrastrukturen. Die einzelnen Bundesstaaten der USA werden zu eigenen Territorien mit eigenen Gesetzen. Irre, Kranke und echsenartige Aliens, die sich vor der Zerstörung ihres Planeten ausgerechnet auf die kaputte Erde geflüchtet haben: Das ist die Welt, in der sich ein Android mit Vorliebe für Whitmans Lyrik auf den gefahrvollen Weg zu seinem Konstrukteur macht.

Dieser Sciencefiction-Ausblick ist der stärkste Teil des ganzen Buches und endet mit dem Bild eines klassischen Western. Der Held reitet auf die Rockys zu, ins Ungewisse, aber voll Hoffnung. Nur dass der einsame Reiter kein Mensch ist, sondern ein Android mit summenden Schaltkreisen, der Whitman liebt.

Cunningham beweist einmal mehr seine hohe Kunst des Verschränkens von Zeitebenen. Die Wege der Toten und der Lebenden kreuzen sich an denselben Stellen der Stadt. Der Kristallisationspunkt ist der Dichter Whitman und seine hymnische Liebe zum Sein. Und: Das alles könnte wirklich allzu nett und gefühlig sein, aber Cunninghams wunderbare Erzählkunst bewahrt zuverlässig vor Pathos. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.03.2006)

Von Ingeborg Sperl
  • Michael Cunnigham: "Helle Tage"Deutsch: 
Georg Schmidt. € 22,60/384 Seiten. Luchterhand,
München 2006
    foto: luchterhand

    Michael Cunnigham:
    "Helle Tage"

    Deutsch:
    Georg Schmidt. € 22,60/384 Seiten. Luchterhand,
    München 2006

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