Raspelndes Konzert als Übungsstunde

10. März 2006, 13:01
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Marc Ribot solo im Konzerthaus

Wien - "Diese Kompositionen habe ich hier noch nie gespielt. So viel ist sicher!" Ganz unkommentiert konnte Marc Ribot doch nicht lassen, was sich da am Donnerstagabend im Neuen Saal des Konzerthauses begab. Und was ihm wohl schon lange nicht mehr passiert war: Der 52-Jährige, ein Klassiker aus der New Yorker Downtown-Szene, Konsensfigur der Improvisationsgemeinde abseits des Mainstreams, die zudem in Wien, voran in der Sargfabrik, quasi Heimrecht genießt, polarisierte tatsächlich wieder einmal das Publikum - in einen Teil, der sich noch vor Ende der Darbietung laut absentierte, und einen, der trotzig drei Zugaben erklatschte.

Was zweifellos mit den erwähnten Kompositionen zu tun hatte. Gewiss, ein Marc Ribot will sich nicht allein mit Bekanntem begnügen, auch wenn es sich dabei um schlichtweg Geniales handelt: Seine beiden brillanten Solo-Alben Don't Blame Me (1995) und Saints (2001) hatten die Latte für den Abend hoch gelegt. Und machten es den nunmehr auf dem Programm stehenden Kompositionen mit dem netten Sammelnamen Exercises of Futility ("Sinnlose Übungen") nicht eben leichter, auch insofern, als der Titel tatsächlich nicht bloße Koketterie schien.

Das Konzert zur Übungsstunde umfunktionierend, buchstabierte Ribot brav seine von doch recht substanzarmen Repetitionen geprägten Etüden vom Notenständer, so, als hätte er vergessen, dass seine Trademark darin begründet liegt, eigentlich ein Nicht-Gitarrist zu sein.

Eine John-Zorn-Komposition, geprägt von dissonanten Bottleneck-Wirbeln und zerstampften Luftballons, riss zwischendrin paukenschlagsymphoniegemäß aus der Lethargie. Und selten hat man sich über das Auftauchen abgelutschter Standards wie "Autumn Leaves" oder "Everything Happens To Me" gefreut. Fand hier Ribots Kreativität doch endlich jenen Material-Reibebaum, den sie offenbar benötigt, um daran - mit scheppernder Billig-Gitarre arbeitend - zu erblühen.

Schade, dass Albert Ayler an diesem Abend nicht zu Wort kam, dessen Stücke Ribot in Patchworkgeschichten zu dekonstruieren weiß. Ribot hätte es diesmal sogar zum Vorteil gereicht, sich an Geleistetem zu bedienen. (DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.03.2006)

Von Andreas Felber
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