4.3.2006: Es kann einem wieder "leidtun"

17. Juli 2006, 12:57
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Die Reform der Rechtschreibreform tritt ab 2006/2007 in Kraft

Berlin/Wien - An den Stellschrauben der deutschen Rechtschreibung wird ein allerletztes Mal gedreht: Auf Beschluss der deutschen Kulturministerkonferenz (KMK) wird eine Reihe von Änderungsvorschlägen seitens des paritätisch und ehrenamtlich besetzten Rechtschreibungsrates unterrichtsverbindlich.

Die Vorschläge dienen zur Befriedung einer seit bald zehn Jahre schwärenden Debatte - immerhin hatten leitkulturelle Institutionen wie Buch- oder Zeitungsverlage die Praktizierung der Regeln verweigert. Die Änderungen, die am 30. März von den deutschen Ministerpräsidenten abgesegnet werden müssen, betreffen strittige Teile der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung, der Zeichensetzung und Silbentrennung.

Der Tenor der Korrekturen kommt einem wohl begründeten Rückschritt gleich: So soll wieder mehr zusammengeschrieben werden - mindestens dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie bei "abwärtsfahren". Bei feststehenden Begriffen wie "der Blaue Brief" oder "das Schwarze Brett" soll wieder "dem allgemeinen Schreibgebrauch" gefolgt und groß geschrieben werden. Die verabschiedete Rechtschreibreform sah hierbei wenige Ausnahmen vor ("Heiliger Vater"). Verbindlichere Kommaregeln sollen für ein besseres Leseverständnis sorgen. Die Anrede "Du" in Briefen kann groß geschrieben werden.

Ausgeräumte Zweifel

Semantisch wird auf die Verhinderung adverbieller Zweifelsfälle wieder ein besonderes Augenmerk gelegt: So wird das "Essen warmgemacht", weil jedes "warm machen" von Lebensmitteln an eine Überhitzung des Kochs denken lässt. Siehe auch: "die Wand rotstreichen" (statt "rot streichen").
Österreich wird sich den Änderungen der Rechtschreibreform voraussichtlich anschließen. Für die Änderungen wird es hierorts an den Schulen eine mehrjährige Übergangsfrist geben - drei Jahre soll die Eingewöhnung währen. Erst innerhalb des entsprechenden Zeitraums können auch die Schulbuchverlage nachziehen.
Die Rechtschreibreform war nach siebenjähriger Übergangsfrist im August 2005 in Österreich, der Schweiz und den meisten deutschen Bundesländern endgültig verbindlich in Kraft getreten. Nur Bayern, Nordrhein-Westfalen und der Kanton Bern scherten zwischenzeitlich aus.
Heimische Einsprüche wurden gestern von der SPÖ erhoben: "Ernsthaft über einen österreichischen Sonderweg" möchte SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser diskutieren. Die Sozialdemokraten beargwöhnen konservative Machenschaften und fordern Radikaleres: "wirklich sinnvolle Reformen" wie eine "Komplettabschaffung des ,ß' oder Schritte hin zur gemäßigten Kleinschreibung". Das Thema müsse "schleunigst auf die Tagesordnung des parlamentarischen Unterrichtsausschusses". (poh/ DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.03.2006)

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