"Der Wilde Westen: Ein erfundenes Genre"

  • "Das zentrale Amerika liegt abseits der Städte": Ang Lee ist mit "Brokeback Mountain" als bestem Film wie auch als bester Regisseur ein Oscar- 
Anwärter.
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    "Das zentrale Amerika liegt abseits der Städte": Ang Lee ist mit "Brokeback Mountain" als bestem Film wie auch als bester Regisseur ein Oscar- Anwärter.

Mit acht Nominierungen ist "Brokeback Mountain" der Favorit im Rennen um die Oscars - Regisseur Ang Lee im STANDARD-Interview

Dominik Kamalzadeh befragte Lee über seine Amerikabilder.



STANDARD:Mr. Lee, in "Brokeback Mountain" erzählen Sie, vermittelt über die unmögliche Liebe zwischen zwei Cowboys, von der repressiven Grundstimmung einer Gesellschaft. Hat Sie dieser Blick hinter den Mythos des Westens gereizt?

Ang Lee: Für mich hat die Kultur des Westens immer zwei Seiten gehabt. Einerseits lernte ich sie über Filme kennen, die ja global wirksam sind - auch in Taiwan, wo ich aufgewachsen bin. Etwas anderes ist die Realität: Als ich nach Amerika ging, fand ich ein Land vor, das ich aus den Filmen nicht kannte. Das zentrale Amerika liegt abseits der Städte, nämlich ganz abgeschieden, am Land. Dort leben die echten Amerikaner, die uns schon wieder exzentrisch vorkommen. Das sind seltsame, auch widerstandsfähige Leute. Sie verkörpern den amerikanischen Spirit. Das vergisst man leicht: Es gibt ein hartes, oft grausames, ein sehr religiöses, konservatives Hinterland. Dieser Westen ist mir wichtig.

STANDARD:Sie entwerfen ein sehr realistisches Bild dieser Kultur. Wie haben Sie dafür recherchiert?

Lee: Die größte Stütze sind natürlich die Autoren. Niemand kennt den Westen besser als unser Drehbuchautor Larry McMurtry, der schon The Last Picture Show schrieb. Er fuhr mich herum und zeigte mir Schauplätze. Dann natürlich Annie Proulx selbst, sie schrieb die Vorlage. Ihre Bücher setzen sich immer mit Wyoming auseinander. Die beiden ermöglichten es mir, mit den eigenen Augen in die richtige Richtung zu sehen. Man realisiert dann sehr schnell, dass der so genannte Wilde Westen ein erfundenes Genre ist. Er existiert nicht wirklich. Sehr wenige Bilder zeigen den realen Westen.

STANDARD:Das Thema Homosexualität ist in dieser sehr männlichen Kultur tabu, obwohl es auch schon im Western eine homoerotische Komponente gab . . .

Lee: Es ist im Grunde ganz logisch, diese Seite an Cowboys zu sehen. Ich interessiere mich aber hauptsächlich für das unterdrückte Drama, für eine Situation, durch die man die Gesellschaft besser studieren und untersuchen kann - egal, ob es sich jetzt um Homosexualität oder um etwas anderes handelt. Hindernisse helfen oft, das Wesentliche an menschlichem Verhalten hervorzubringen. In diesem Fall geht es um eine Liebe: darum, wie viel man ertragen und wie sehr man begehren kann; darum, wie mutig und wie verletzlich man zugleich ist. Die Unmöglichkeit der Liebe zwischen den beiden Protagonisten macht es möglich, die gesellschaftlichen Schichten besser herauszuarbeiten.

STANDARD:Mussten Sie Jake Gyllenhaal und Heath Ledger lange überreden, die Rollen zu spielen?

Lee: Nein, diese beiden Jungs nicht. Bei anderen Schauspielern hatte ich allerdings diese Befürchtung. Man konnte sehen, dass sie ein wenig nervös wurden, nachdem sie das Drehbuch gelesen haben. Aber Heath und Jake waren bereit, einfach alles zu tun, also hörte ich bald mit der Suche auf. Ich habe eine sehr bewusste Entscheidung gefällt: Die Geschichte zieht sich über 20 Jahre, aber die Veränderung des Aussehens der Darsteller ist eher gering. Ich wollte mit jungen Schauspielern arbeiten, weil sie unschuldiger wirkten - etwas, das man als älterer Schauspieler kaum spielen kann.

STANDARD:Der Wandel der Zeit ist ja generell nur an subtilen Details ablesbar - am Dekor, an den Moden und Bärten.

Lee: Ja, das habe ich mit der Produktionsdesignerin so besprochen. Ich sagte ihr, wir machen ein "period piece" an einem zeitlosen Ort: "Also sei sehr vorsichtig, was du in den Film stellst!" Ich denke, das Publikum wird die Änderungen der Details nicht alle sehen, aber empfinden. Wir haben ja keinen Western gemacht, sondern einen realistischen Film über den Westen.

STANDARD:Die Sexszenen inszenieren Sie sehr dezent. Nach welchen Maßgaben sind Sie dabei vorgegangen?

Lee: Wir haben länger überlegt, wie viel wir zeigen wollen, vor allem bei den Sexszenen zu Beginn, im Zelt. Es ging aber nie darum, ob der Film schwuler oder weniger schwul werden sollte. Jede Szene sollte ihre innere Notwendigkeit haben. Die erste Szene im Zelt sollte etwas von der Gewalt und Verwirrung vermitteln, die mit Sexualität einhergeht. Bei der zweiten Szene im Zelt, die wir bei Kerzenlicht drehten, geht es bereits um so etwas wie Hingabe. Die erste kann man noch als Verwirrung abtun, aber die zweite ist bereits eine Verpflichtung, dass daraus etwas Nachhaltiges wird.

STANDARD:Haben Sie befürchtet, dass es beim Filmstart Proteste geben würde?

Lee: Nein. Zum Spaß sagten wir, dass wir den Film nur in demokratischen Bundesstaaten herausbringen werden.

STANDARD:Nach "Hulk" ist "Brokeback Mountain" ein vergleichsweise billiger Film. Hatten Sie dadurch auch mehr Freiheiten?
Lee: Ich kann meine Filme eigentlich immer so realisieren, wie ich möchte. Die einzige Ausnahme war vielleicht Sense and Sensibility, weil es mein einziger richtiger Genrefilm war - da gibt es gewisse Einschränkungen. Bei Hulk hatte ich noch größere Freiräume, weil ich so viel Geld ausgeben konnte, wie ich wollte (lacht). Nein, im Ernst: Man hat eine Art Chip im Kopf, der einem sagt, wie weit man die Freiheiten ausdehnen kann. Er gleicht einer Art Gewissen. Man denkt sich: Wenn ich schon so viel ausgebe, dann sollte ich den Film auch nicht am Publikum vorbeimachen. Bei einem kleineren Film gibt man sich selbst mehr kreativen Spielraum.

STANDARD:Ein Thema, das in Ihren Filmen wiederzukehren scheint, ist die Auseinandersetzung mit ambivalenten Vaterfiguren.

Lee: Ja, ich weiß auch nicht genau, warum. Wie der Vater in Brokeback Mountain aus der Vergangenheit nachwirkt, das erinnert an Hulk. Ist das ein Zufall? Keine Ahnung. Nach Hulk ist zudem mein Vater gestorben. Er hat mich nie ermutigt, Filme zu machen, selbst nach dem Oscar nicht. Kurz vor seinem Tod hat er dann aber gemeint, ich solle unbedingt weitermachen. Und dann drehe ich einen Film über schwule Liebe - ziemlich seltsam. Ich habe ja auch keine Erfahrungen mit romantischer Liebe. Meine Frau und ich waren beste Freunde, also heirateten wir. Und das war's. (DER STANDARD, Printausgabe, 04./05.03.2006)

Zur Person

Ang Lee
wurde 1954 in Taipeh auf Taiwan geboren. 1978 übersiedelte er in die USA, wo er an der Universität von Illinois Theaterwissenschaft und in New York Filmproduktion studierte.

Bereits für seine Trilogie um taiwanische Einwanderer wurde Lee mehrfach prämiert. Seitdem hat er sich mit Filmen wie "The Ice Storm", "Sense and Sensibility", "Crouching Tigern Hidden Dragon" oder "Hulk" als so vielseitiger wie stilistisch präziser Regisseur bewährt. (kam)
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Würde mich freuen,

wenn Ang Lee und der Film wenigstens einen Oscar bekommen. Sehr. Es wäre ein Zeichen für Lesben und Schwule auf der ganzen Welt.

drei sinds geworden.

zu wenige, aber mehr durfte man sich echt nicht erwarten in einem land, das von millionen schwulen hassern bevölkert wird.

"in einem land, das von millionen schwulen hassern bevölkert wird"

auch nicht mehr, als in europa. in einigen us-bundesstaaten ist man - was antidiskriminierungsgesetze und gleichbehandlung betrifft - meilenweit vor den meisten europäischen staaten!

Auch auf die Gefahr hin, dass ich geprügelt werde:

Liebe Homosexuelle! Das ist nun schon der zweite Film mit Schwulen im WW. Der eine zeigt schwule Indianer und ist aus Deutschland (kennen eh alle) und der andere eben dieser mit den schwulen Cowboys. Bitte welcher von beiden Filmen kommt besser bei denen rüber, die das Schwulsein auch leben? Der "Lustige" oder der "Ernste"?

Klarstellung die eigentlich unnötig sein sollte

Hab den Film auch noch nicht gesehen - aber jeder Versuch das Schwulsein als "La Cage aux Folles" zu stilisieren ist lächerlich. Diese Filme sind unterhaltsam aber es ist bedenklich, dass lange Zeit wirklich viele Heteros dachten man erkennt Schwule an so einem Verhalten bzw. Schwule seien einfach so. 90% sind wie jeder andere und geben sich auch nicht anders als Heteros - Unterschied findet im Schlafzimmer statt und zwar in 99% der Fälle unter Auschluß der Öffentlichkeit.

Ich bin hetero, und kenne Brokeback Mountain nicht,
aber dieser Vergleich erscheint mir doch sehr absurd.
Ich liebe übrigens "Das Hochzeitsbankett" von Ang
Lee, wo ebenfalls ein schwules Pärchen im Mittelpunktstand. Und ich konnte mich als Hetero voll mit dieser Geschichte identifizieren. Dieser wunderbare Film sagt auch keine Minute "schaut her
Schwule können auch nett sein" oder einen ähnlichen (gutgemeinten) Schwachsinn. Ich bin gespannt, ob Ang Lee mit Brokeback Mountain ähnliches gelingt.

"Bitte welcher von beiden Filmen kommt besser bei denen rüber, die das Schwulsein auch leben?"

also ungeachtet der tatsache, dass ich brokeback mountain noch nicht gesehen habe, kann ich bei DIESER auswahl schon jetzt behaupten: der "ernste".
1. hat mir bis jetzt noch JEDER film von Ang Lee gefallen und 2. hat diese weltraumklamotte mit "schwulsein" soviel bzw. sowenig zu tun wie "Charly's-Tante" oder "La Cage Aux Folles".
dieser bully-herwig-film karikiert tunten (damit sich heteros vor lachen auf die schenkel klopfen können), ist aber weder ein film über schwule, noch über's schwulsein.
ich sprech' aber natürlich nicht für alle schwulen. andere mögen (und werden) das vielleicht anders sehen.... ;o)

nee vollste zustimmung! :))

ein guter film. wenn auch etwas sehr melancholisch. und mit dem "schwulen cowboys" wird bewußt gespielt um provokation zu erreichen, das merkt man schon sehr deutlich.

Trotzdem ist der Film eine Cowboyschnulze.

"und mit dem "schwulen cowboys" wird bewußt gespielt um provokation zu erreichen"

ich glaube nicht, das das die intention war. das hat herr Lee wirklich nicht mehr nötig.
schwule cowboys gab's immer und gibt's nach wie vor (gehen Sie mal auf eines der großen gay-rodeos in canada oder den usa):
http://www.igra.com/Calendar_Rodeo.htm
http://www.cgra.net/cms_home
http://www.texasgayrodeo.org
etc. ....

Gay-Rodeos?

Welche Bullen werden dort geritten?
;-)

geschmackloser humor!

Braucht Ihnen ja nicht schmecken... ;-)

daumen drücken

darf ich ja...
allerdings wär ich sehr überrascht, wenn die "altehrwürdigen herren" tatsächlich ihm und brokeback mountain den preis verleihen würden.
schön wärs. auch bush-amerika tät es gut. der foundation (hallo kitt!) sowieso.
nunja, die abstimmung ist (?) geheim.
vielleicht kommt tatsächlich eine überraschung raus.
danke an die "tele"-redaktion für das umwerfende cover! die essenz des ganzen films eingefangen in einem einzigen foto.
anschaun!!!

wirklich wahr.

wunderbares foto.

Homosexualität

natürliche Auslese ?

Schwule Cowboys.

.in Bush`s heuchlerischem Land. Auf den (möglichen) Oscar und die Reaktionen darf man gespannt sein.

Diese vordergründigen, prüden

Herren in Amerika werden wohl nie einem solchen Film den Oskar geben! Grossproduzenten von Porno zulassen ja, aber etwas, was nicht von der Mehrheit prakzipiert wird, dass gibts in Amerika nicht!

Roger Ebert, Time...

hab gerade ein paar Kommentare zur bevorstehenden Oscar-Verleihung gelesen und da fordern einige (etwa die oben genannten) den Oscar für "Crash"!!! Hallo??

Begründung ist meistens: "Brokeback Mountain", ja eh gut aber "crash" spielt in L.A. und da gehts nicht um Homosexualität (natürlich jetzt stark verkürzt wiedergegegeben)...

ich kenne brokeback mountain noch nicht

aber crash ist ein hervorragender film und ein oscar wäre ganz bestimmt nicht verschwendet, wie schon so oft.

"Crash" ist doch auch ein guter Film.

l.a. crash ist super. good night ist hervorragend. brokeback mountain ist für hollywood einzigartig. darum wär es ein hammer, wenn er den oscar bekäme. hoffen ja, glauben nicht.

...

"capote" hab ich noch nicht gesehen.
"munich" ist ambitioniert aber streckenweise einfach nur mittelmaß
"crash" ist bemüht aber viel zu konstruiert und teilweise übertrieben emotional (beinahe-tod des kleinen mädchens)
"good night and good luck" ist genial. eine streng komponierte und auf einen minimalen handlungsraum reduzierte erzählung - großartig
"brokeback mountain" ist ein wunderschöner und tiefgründiger film, der berührt, mich aber nicht so überzeugen konnte wie clooneys arbeit.

ps: anstatt "munich" und "crash" hätte ich "match point" und "the constant gardener" lieber nominiert gesehen...by the way

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