Die Lunge im Alpen-Panorama

20. März 2006, 14:57
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Rund um den "Zauberberg" startet Davos jetzt auch eine Architektur-Offensive

Davos taucht jeden Winter als Gipfelort der Weltwirtschaft auf. Das erhöht den Bekanntheitsgrad des Luftkurorts. Dass im Dorado des Eishockeys 320 Kilometer präparierte Alpinpisten, 250 Kilometer kontrollierte Tiefschnee-Abfahrten und 100 km Langlaufloipen zur Verfügung stehen, ist nicht weiter erstaunlich. Höchst erstaunlich aber ist, dass diese Touristikregion seit einigen Jahren von einem Oberösterreicher dirigiert wird. Von Armin Egger.

Seine Karriere folgt den Extremen des Geschäftsfeldes. Tourismus-Direktor in Hinterstoder, Österreich-Werbung in New York und Chicago. Seit sechs Jahren in Davos. Seine Arbeit hat viel mit der Einmaligkeit zu tun - ein "Fremdenverkehrs"-Ort zu sein, dessen ursprüngliche Karriere man Wissenschaft, Kunst und Architektur verdankt.

Wer weiß schon, dass der alljährliche Spengler-Cup in Eishockey zurückgeht auf den Sohn des deutschen Anarchisten Alexander Spengler? Er floh Mitte des 19. Jahrhunderts vor einem Todesurteil aus Deutschland und zog sich als "Landschaftsarzt" nach Davos zurück. 1868 errichtete er eine Lungenheilanstalt, die den Ruf der Stadt als Höhenkurort begründete. Dieser Initiative folgten mehrere Forschungsinstitute, zuletzt vor 60 Jahren die Gründung eines Zentrums für Schnee- und Lawinenforschung.

Neuer Zauberturm

Wer außer an Literatur Interessierten weiß um den Hintergrund von Thomas Manns "Zauberberg". Die Frau des Dichters wurde im heutigen "Schatzalp" 1907 behandelt, Mann besuchte sie für drei Wochen und entwickelte die Idee für den Roman. Genau dort, hoch über der Stadt, wird in aller nächster Zeit vom renommierten Architekten-Duo Herzog &De Meuron ein "Hotelturm" errichtet, der das horizontale Jugendstil-Hotel vertikal reflektiert. Mit dem 1992 errichteten, von Anette Gigon und Mike Guyer brillant transparent geplanten Kirchner-Museum wird die Künstler-Tradition präsentiert. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner zog in den 20er-Jahren jüngere Maler, aber auch Literaten und Philosophen in das Hochtal - was erklärtermaßen den Gründer des World Economic Forums, Klaus Schwab, bewog, Davos zum Ort dieses Gipfeltreffens zwischen Politik und Wirtschaft zu machen.

Was die Frage nahe legt, warum es in Davos Drei-Sterne-Hotels gibt, die ohne Lift sind, und Vier-Sterne-Etablissements, deren Enge und Bodenständigkeit maximal ein Drittel der verlangten Preise rechtfertigt. Egger reagiert schnell und verblüffend. Erstens gebe es in der Region 25.000 Betten, darunter etliche, die den Anforderungen nicht entsprächen. Zweitens erhielten alle zahlenden Teilnehmer des World Economic Forum die besseren Quartiere, "die Journalisten, was übrig bleibt". Jedoch: Journalisten sind nur von der Teilnahmegebühr befreit, in den Hotels zahlen auch sie volle Wäsche.

Heuer konnte man hören, dass Substandard-Häuser wie das "Rinaldi" bald durch neue Anlagen ersetzt werden. Und Egger fügt hinzu, dass neue Restaurants (z. B. Mann & Co.) das kulinarische Niveau heben würden, Wellnesszentren das Wohlfühl-Ambiente. Aber an die Qualität vergleichbarer österreichischer Destinationen reicht Davos, was die Unterkünfte betrifft, im Schnitt nicht heran. Sieht man ab von international kompatiblen Häusern wie Steigenberger und Fluela.

Viele Wintersportorte haben im Sommer zu kämpfen. Davos nicht. 47 Prozent der Einnahmen werden in der Sommersaison gemacht - wobei der Mythos des Höhenkurortes eine enorme Rolle spielt. Dazu kommen die Edelsteine von Graubünden. Davos als Lunge des Alpen-Panoramas.

Vor lauter Terrorangst glaubten die Davoser kurz, ohne den Weltwirtschaftsgipfel auszukommen. Der ging für den Jänner 2002 nach New York - in Davos brach die Saison zusammen, weil man im November dramatische Buchungsausfälle nicht mehr wettmachen kann. An fünf Tagen nimmt der Ort jetzt wieder 43 Millionen Franken ein. (Der Standard, Printausgabe 4./5.3.2006)

Von Gerfried Sperl

Inof

Davos
  • Das Kirchner Museum beherbergt die weltweit groesste Sammlung des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, der viele Jahre in Davos lebte. Die kubistische Form des Museums zieht auch viele Architekturliebhaber an.
    davos tourismus/raphael koch

    Das Kirchner Museum beherbergt die weltweit groesste Sammlung des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, der viele Jahre in Davos lebte. Die kubistische Form des Museums zieht auch viele Architekturliebhaber an.

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