Pandora auf vier Rädern

28. Mai 2006, 19:59
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Im Spektakel der Events und Prominenz wird eine Zukunft zelebriert, die viel verspricht - aber keine gemeinsame Richtung mehr kennt - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

In Genf beginnt der Frühling mit einem Fest für die Fans der vier Räder: 140 Modellpremieren breiten nicht nur die gesamte Palette der diesjährigen Branchenneuheiten aus, sondern spiegeln die Fantasien der Ingenieure und Designer, speziell bei den PS-starken Varianten.

So brilliert das Land der Gastgeber diesmal im wahrsten Wortsinn: mit dem Zazen des Zürcher Autoveredlers Rinderknecht, der auf einer Porsche-Plattform eine Karosserie aus dem transparenten Spezialkunststoff Makrolon präsentiert, in deren Lack Millionen Swarovski-Kristalle funkeln. Alphörner bei Opel, 55 Tonnen Eis bei Saab, Formel-1-Stars bei BMW - im Spektakel der Events und Prominenz wird eine Zukunft zelebriert, die viel verspricht - aber keine gemeinsame Richtung mehr kennt.

"Alles ist möglich", wie es Weltmarktführer Toyota formuliert, scheint zum Motto der Industrie zu avancieren - im positiven wie negativen Sinne. Im Schatten der glänzenden Novitäten kämpft die Branche mit drei großen Herausforderungen:

1. Die Wertherausforderung: GM und Ford - "Auf den Schrotthaufen!" betitelte BusinessWeek die Situation der US-Giganten, die mit sinkenden Marktanteilen, Überkapazitäten von bis zu 20 Prozent und Schulden in dreistelliger Milliardenhöhe kämpfen.

Beispiel GM: Seit den 80er-Jahren von 900.000 auf 300.000 Mitarbeiter "gesundgeschrumpft", sind jüngst weitere Werkschließungen - auch in Europa - angekündigt. Von S&P auf "Junk"-Status herabgestuft, hat GM allein im vergangenen halben Jahr rund 40 Prozent an Wert eingebüßt, das sind 7,6 Milliarden Dollar - fast die Marktkapitalisierung des Verbund.

Ob VW oder Fiat: Auch diese kämpfen mit unzureichender Kapitalverzinsung. Aus der Wertfalle brechen nur Premium-Anbieter wie BMW und Porsche sowie Klassenprimus Toyota aus. Ihre Erfolgsformel: radikales, globales Innovations-und Supply-Chain-Management - unter intelligenter Einbindung der Zulieferer.

2. Die Zulieferer-Herausforderung: Auch Magna, mit 82.000 Mitarbeitern in über 200 Produktionsstätten in 22 Ländern der meistdiversifizierte und einer der weltgrößten Automobilzulieferer, hat zuletzt einen Gewinneinbruch von 53 Prozent berichtet - aufgrund steigenden Kostendrucks.

Symptom für die Branche, deren Strukturen sich rasant verändern: Während der Konzentrationsprozess weitergeht - bis 2010 soll sich Prognosen zufolge die Zahl der Anbieter von 5500 auf 3500 reduzieren -, erwarten die Hersteller mit der stärkeren Integration in den Produktionsprozess nicht nur Kostenvorteile durch höhere Produktivität, sondern eine stärkere Risikoübernahme. Innovationsfähigkeit, ob im Werkstoffeinsatz, in der Standortstrategie (Stichwort Asien) oder in der Koordination von Zulieferern weiterer Stufen, werden sie nur leisten, wenn man sie leben lässt.

3. Die Umweltherausforderung: Steigende Energiekosten und Umweltbewusstsein zwingen Autohersteller und Zulieferer zu einer kontinuierlichen Suche nach "massenfähigen" Lösungen. Beispiel VW: Nach dem Desaster mit dem teuren Drei-Liter-Lupo (nur 30.000 Käufer in fünf Jahren) setzt man mit dem "Bluemotion"-Polo nun auf einen Kompromiss: weniger Spritverbrauch kombiniert mit einer Nachhaltigkeitsinitiative.

Peugeot hingegen demonstriert einen serienreifen Hybrid, dessen Aufpreis von 6000 auf 2000 Euro sinken soll. Damit es mehr als Marketing wird, müssen weitere F&E-Investitionen fließen, um Technologien für alternative Antriebe und Kraftstoffe zu entwickeln. Ob Ethanol (Saab), Elektro-Radnabenmotoren (Mitsubishi und Toyota), sauberer Diesel (Mercedes "Bluetec") oder Wasserstoff-Hybride (Mazda): Unklar bleibt, wo hier die Standards der Zukunft liegen werden; auch, weil Weichenstellungen in der europäischen Energiepolitik fehlen. Ob nach dem Genfer Autofrühling die Branche in einen milden Sommer oder direkt in einen stürmischen Herbst fährt, wird sich zeigen.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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