Gericht: Geretteter Zombie

5. März 2006, 19:52
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Ersatzdroge: Gericht - "Danke, dass Sie mir zugehört haben." - "Das ist unser Beruf", erwidert der Richter.

Sascha (24) hat Suchtgift verkauft, um sich Suchtgift zu finanzieren. Solche Prozesse finden mehrmals täglich statt. Die Presse geht kaum noch hin, die Richter hören kaum noch zu. Sie kennen die Geschichten. Sie kennen die Gesichter. Sie können sie kaum noch ertragen.

Sascha fällt aus dem Rahmen. Er scheint sich soeben aus vier Jahren Schlaf gerissen zu haben. Ersatzdroge: Gericht. Er redet, als wäre es ein Geschenk, hier gelandet zu sein. Er beendet seine Einvernahme mit den Worten: "Danke, dass Sie mir zugehört haben." - "Das ist unser Beruf", erwidert der Richter. Solche Komplimente kriegt er nicht alle Tage.

Zombie unter Zombies

Sascha war ein guter Schüler. Er wollte Arzt werden, wie sein Vater. Wir waren eine Vorbildfamilie", sagt er. Doch als er 15 war, erkrankte seine Mutter. Als er 16 war, starb sie. Als er 17 war, verschwand der Vater auf Kongressen. Als er 18 war, tauchte Miriam auf. Als er 19 war, tauchte er mit Miriam in der Szene unter. Damit sie nicht mehr auf den Strich gehen musste, begann er mit Drogen zu dealen. "Vier Jahre war ich ein Zombie unter Zombies", sagt er. Im Frühjahr 2005 starb Miriam an einer Überdosis. Wenige Tage danach versuchte sich Sascha vor eine U-Bahn zu werfen. Ein älterer Passant bemerkte die Absicht und zog den Süchtigen zurück. "Er hat mir eine schallende Ohrfeige gegeben", erinnert sich Sascha: "Das war mein erstes neues Lebenszeichen."

Die ganz großen Menschen, die keiner kennt

Der Retter, ein pensionierter Lehrer, und seine Frau nahmen den Junkie ein paar Wochen bei sich auf. Sie verständigten den Vater und brachten Sascha schließlich dazu, Selbstanzeige zu erstatten. "Das sind die ganz großen Menschen, die keiner kennt", sagt er: "Nie werde ich ihnen das zurückgeben können."

Wegen Drogenhandels wird er zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt. "Wie fühlen Sie sich?", fragt der Richter. "Wie neugeboren", sagt Sascha. Draußen wartet der Vater. Und demnächst hat er seine ersten Maturaprüfungen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 4/5.3.2006)

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