Auch die Landluft ist voller Feinstaub

20. Juli 2006, 13:18
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Ein Ausflug aufs Land kann im Winter nicht mehr guten Gewissens empfohlen werden

In der Steiermark und in Tirol werden viele Landgemeinden zu Sanierungsgebieten, Leidtragende sind vor allem die Kinder – auch bei gesunden nimmt die Lungenfunktion ab. Ein Ausflug aufs Land kann im Winter nicht mehr guten Gewissens empfohlen werden.

Graz/Innsbruck – In diesem strengen, schnee- und in Ballungsräumen auch feinstaubreichen Winter zog es Städter häufig aufs Land. Des Skivergnügens wegen, aber auch um die Lunge wenigstens an ^Wochenenden einigermaßen staubfrei zu bekommen.

Guten Gewissens wird man den Landausflug in Hinkunft aber nicht mehr empfehlen können. Denn das Feinstaubproblem ist längst nicht mehr nur ein städtisches. Österreichweit werden immer mehr Regionen zu Feinstaub-Sanierungsgebieten. Nicht nur der Autoverkehr, auch alte Heiz- und Industrieanlagen tragen hier zur Staubproduktion maßgeblich bei.

Ländliche Abschnitte als Sanierungsgebiete

In der Steiermark müssen daher neben den ausgewiesenen Sanierungsgebieten rund um die Landeshauptstadt Graz oder den weststeirischen Industrieort Voitsberg im nächsten Winter auch – als Folge der jüngsten Messresultate – ländliche Abschnitte zu Sanierungsgebieten erklärt werden.

Wirklich aufatmen kann in der Steiermark nur die Bevölkerung im Norden des Bundeslandes. Das obere Murtal, das Ennstal, das Liesing- und Paltental sind aufgrund klimatischer Bedingungen relativ unbelastet. Aber im übrigen Landesgebiet werden weite Abschnitte der ländlichen Süd-, Ost- und Weststeiermark im unteren Murtal bis Bruck und Graz zu Staub-Risikozonen. Wie auch die obersteirische Industrieregion um Leoben und das Mürztal bis zum Wartberger Kogel.

Gerhard Semmelrock von der Fachabteilung für technische Umweltkontrolle: "Man muss das Problem großflächig sehen und entsprechend darauf reagieren." In den neuen ländlichen Sanierungsgebieten müssten andere Schwerpunkte zur Feinstaubbekämpfung gesetzt werden als in der Stadt. Fahrverbote seien hier "schon aus logistischen Gründen" kaum machbar. Man werde sich unter anderem auf die "Feuerungsanlagen" konzentrieren, zudem müsse der Winterdienst in den Gemeinden optimiert werden. Nach wie vor werde zu sorglos mit Split umgegangen, der bis zu 30 Prozent zur Feinstaubproblematik beitrage, sagt Semmelrock. Die Bürgermeister sollten Bauarbeiten auf Belastungen überprüfen lassen.

Kinder mehr gefährdet

In Tirol ist wie berichtet die gesamte Inntalfurche betroffen, von Kufstein bis Landeck, auf 150 Kilometern. Der Transitschneise ist es zuzuschreiben, dass neben dem Feinstaub auch Stickstoffdioxid massiv Probleme bereitet. Laut Transitforum würden in den betroffenen Gemeinden 58.387 Kinder unter 15 Jahren leben. Tiroler Ärzte haben darauf hingewiesen, dass die Atemwegerkrankungen bei Inntaler Kindern erheblich zunahmen: 2005 waren 11,5 Prozent der jungen Patienten betroffen, doppelt so viele wie vor drei Jahren. Eine Studie in Linz habe gezeigt, "dass auch bei gesunden Kindern" die Lungenfunktion abnehme, sagt Hanns Mooshammer vom Institut für Umwelthygiene der Medizin-Uni Wien. Asthmakinder litten an Tagen mit Feinstaubbelastung gehäuft unter nächtlichem Husten und pfeifender Atmung.

"Pro-Transit-Haltung"

Tirols Verkehrs- und Umweltlandesrat Hans Lindenberger (SP) wollte zur massiven Ausweitung der belasteten Gebiete nichts sagen. Es werde an einem Maßnahmenpaket gearbeitet, dem wolle er nicht vorgreifen. Tirols Landeshauptmann Herwig van Staa (VP) verwies wiederum auf Lindenberger.

Tansitforum-Obmann Fritz Gurgiser spricht von "gnadenlosem Befund einer jahrelangen Pro-Transit-Haltung", die auch den Wirtschaftsstandort bedrohe. Grünen-Umweltsprecherin Maria Scheiber meint auch: "Wie sich das wirtschaftlich auswirkt, wird unterschätzt." Laut Gurgiser würden Transitbarrieren entfernt, um den Preis, die Gesundheit zu gefährden. "Der Gipfel war, dass das Lkw- Nachtfahrverbot ausgehebelt wurde durch Herausnehmen der Euro-4-Lkws." Gefragt sei ein neues sektorales Fahrverbot für bestimmte Güter und eine Offensive beim Personennahverkehr. (Walter Müller, Benedikt Sauer DER STANDARD Printausgabe 4/5.3.2006)

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