Das Spiel der Platzhirsche

5. März 2006, 17:14
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Heute messen sich im Happel-Stadion Rapid und Austria - Voraussetzungen für anregende Partie nicht unbedingt gegeben

Wien – Georg Zellhofer hat kapiert. Er weiß, was sich ziemt, also sagt er vor seinem ersten Derby als Rapid-Trainer: "Es geht darum, wer der Platzhirsch in der Stadt ist. Das ist aufregend. Als Spieler habe ich das oder Ähnliches in Linz und Graz erlebt." Natürlich verspüre er "ein leichtes Kribbeln im Bauch", wobei aber entscheidend ist, "wie ich mich danach fühle". Zur Auswahl steht ausschließlich gut oder schlecht, der Fußball ist da eindeutig, halbgut oder halbschlecht spielt's nicht. Am Sonntag, knapp nach 17.15 Uhr, herrscht Klarheit über Zellhofers Zustand. Sollte Rapid gegen die Austria verloren haben, ja dann stünde eine erfolgreiche Titelverteidigung nicht einmal mehr in den Sternen und in den Planeten. Momentan beträgt der Rückstand sieben Punkte.

Schleppend

Es hat im Vorausblick schon aufregendere Vergleiche als den 276. gegeben. Gastgeber Rapid hat erst 17.100 Karten abgesetzt, im riesigen Happel- Stadion schaut das mickrig aus. In diese Zahl sind die 8000 Abonnenten inkludiert, die müssen nicht kommen, sie sind ja keine Zwangsverpflichtung eingegangen. Die Austria hat ein Kontingent von 1000 Stück bestellt. Der Vorverkauf ist nicht zuletzt dank des unsäglichen Länderspiels gegen Kanada völlig eingebrochen, am Sonntag soll es zudem schneien, das ist ein weiterer Grund, daheim zu bleiben. Dank der funktionierenden Rasenheizung ist eine Absage aber auszuschließen.

Sportdirektor Peter Schöttel appellierte an die Fans, "Rapid nicht im Stich zu lassen". Er erinnerte an den Mai 2005, als die Happel-Hütte binnen eines Tages ausverkauft war, es galt den Meistertitel zu feiern. "Gerade in schwierigen Zeiten braucht man Hilfe." Damals im Mai hat Austrias Tormann Joey Didulica Stürmer Axel Lawaree niedergesäbelt, diese Causa ist immer noch nicht abgeschlossen, beim 275. Derby kam es im Horr-Stadion zu Ausschreitungen. Diesmal sollte die Situation zumindest nicht weiter eskalieren.

Rapid ist nicht frei von Sorgen, sagt Zellhofer, der mitbekommen hat, "dass das keine Pasching-Pressekonferenz mehr ist". Das 1:3 beim GAK habe ihn "irritiert. Da darf man nichts schönreden. Wir haben trotz einer Führung keine Ruhe gefunden." Es gelte, geduldig zu bleiben. "Schluss mit lustig ist falsch ausgedrückt. Schluss mit schlampig, muss es heißen." Rapid suche, bedingt durch die Abgänge von Steffen Hofmann und Andreas Ivanschitz, ein neues System. "Wir haben trotzdem die Qualität, dass wir alles in die richtige Richtung biegen."

Gegen die Austria ist der offensive Mario Bazina wieder dabei. "Sie sind es nicht gewohnt, unter Druck zu geraten. Das wäre eine Möglichkeit, sie zu Fehlern zu zwingen", sagt Zellhofer, der die Austria "subjektiv stärker als Salzburg" einschätzt.

Gesittet

Objektiv betrachtet geht es bei der Austria recht gesittet, nahezu langweilig zu. Frank Stronach kann keine Trainer mehr feuern, Ex-Rapidler Roman Wallner wird wenigstens von den violetten Fans gemobbt, rechtzeitig vorm Derby hat er sich aber einen Magen- Darm-Virus eingefangen, also wird auch da nichts Besonderes passieren.

Coach Frenkie Schinkels lässt zum dritten Mal hintereinander elf Legionäre auflaufen, er sieht darin kein Problem. "Ich werde ja nicht von Herrn Stickler oder Herrn Hickersberger bezahlt." Abgesehen davon könne in der Liga "jeder jeden schlagen", und das Wiener Derby lebe immer noch "von den eigenen Gesetzen". Was auch Georg Zellhofer längst kapiert hat. (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 4./5.3. 2006)

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