Interview: "Das müssen auch standesdünkelnde Uni-Professoren akzeptieren"

13. Juli 2007, 11:51
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Der Präsident des Fachhochschulrats, Claus Raidl, im derStandard.at -Interview über Österreichs Titelsucht und die Eitelkeit der Universitäten

AbsolventInnen von Diplomstudiengängen an Fachhochschulen (FH) wird man weiterhin am Zusatz "FH" zum akademischen Titel erkennen. Die am Mittwoch vom Nationalrat beschlossene Streichung des Titel-Zusatzes betrifft nur AbsolventInnen von FH-Bachelor- und FH-Masterstudiengängen.

Die Rektorenkonferenz will die Abschaffung des Zusatzes nicht akzeptieren, von Fachhochschulseite kommt positive Rückmeldung - mit derStandard.at sprach der Präsident des FH-Rats, Claus Raidl, über den Abbau der Titelsucht, die Erfolgsgeschichte der FH und die Standesdünkel mancher Universitätsprofessoren.

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derStandard.at: Herr Dr. Raidl, ist die jüngste Änderung des Fachhochschul-Studiengesetzes - die Abschaffung des Zusatzes "FH" bei einem Teil der Fachhochschulstudien - in Ihren Augen ein richtiger Schritt?

Raidl: Ja, es ist auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung gelungen. Die Universitäten tun sich ja schon lange schwer damit, die Gleichwertigkeit der Fachhochschulabschlüsse anzuerkennen, und mit der Novelle ist jetzt eine gesetzliche Vorgabe in die richtige Richtung passiert.

derStandard.at: FH-Studien und Universiätsstudien folgen einem unterschiedlichen Muster - ist das kein ausreichender Grund für eine unterschiedliche Bezeichnung?

Raidl: Fachhochschulabschlüsse sind selbstverständlich andersartig, aber gleichwertig. FHs bieten eine praxisbezogene Ausbildung auf Hochschul-Niveau, das steht so im Gesetz. Universitäten sollen forschungsbezogene Lehre betreiben. Außerdem ist das System der FHs ein anderes, ein verschultes System. Das alles ändert aber nichts daran, dass die Fachhochschulen eine echte Erfolgsgeschichte sind.

derStandard.at: Warum dann also die Abschaffung des Zusatzes "FH" ? Wäre es nicht auch eine für die Fachhochschulen vorteilhafte Möglichkeit gewesen, den Zusatz stehen zu lassen, um eine bewusste Abgrenzung zu ziehen?

Raidl: International sorgt dieser Zusatz nur für Verwirrung, in Deutschland beispielsweise lässt man ihn ja auch weg. Sehen Sie, jeder Personalchef wird sich das Zeugnis eines Bewerbers sowieso ganz genau anschauen, und da merkt er, ob dieser von einer FH kommt oder von einer Uni. Es interessiert wirklich keinen Menschen, ob man ganz generell von einer FH oder Uni kommt, sondern von welcher Einrichtung genau. Danach wird sich auch ein Personalchef richten.

derStandard.at: Wieso gibt es in Österreich diesen ewigen Streit um die Gleichwertigkeit der Titel von Studienabschlüssen?

Raidl: In Amerika schert sich niemand darum, was auf deiner Visitenkarte steht. Das ist nur im titelsüchtigen Österreich so, und man sollte diese Sucht nicht auch noch stärken, indem man diverse Titel anbietet, wenn auch einer ausreichen würde.

Ich denke, der Grund für diesen erbitterten Widerstand seitens der Unis liegt in Eitelkeit und Standesdünkel mancher Universitätsprofessoren. Man befindet sich da natürlich in einer gewissen Wettbewerbssituation, was aber kein Grund sein sollte, in alten Eitelkeiten zu verharren.

derStandard.at: Die Streichung des Zusatzes FH wird nach In-Kraft-Treten der Novelle des Fachhochschul-Studiengesetzes nur für AbsolventInnen von FH-Bachelor- und FH- Masterstudiengängen gelten - was ist mit den einstufigen FH-Diplomstudiengängen?

Raidl: Jetzt sollten wir uns erst einmal anschauen, wie die aktuelle Änderung akzeptiert wird. Längerfristig muss man sicher darauf schauen, dass eine weitere Angleichung erfolgt. Ich habe da Hoffnung, dass Bildungsministerin Gehrer uns auch in diesen Anliegen weiterhin unterstützt. Wir müssen endlich auch im Abbau der Titelsucht europareif werden, wie wir es in so vielen anderen Bereichen schaffen - und das müssen auch standesdünkelnde UniversitätsprofessorInnen akzeptieren.

Das Gespräch führte Anita Zielina

ZUR PERSON:

Claus Raidl, Doktor der Handels­wissenschaften, ist Präsident des Fachhochschulrats und Generaldirektor des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm.

    <p>Raidl zum Titelstreit: "Man befindet sich da natürlich in einer gewissen Wettbewerbssituation, was aber kein Grund sein sollte, in alten Eitelkeiten zu verharren." </p>
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