Neues Paradigma der Medizin gesucht

3. März 2006, 15:24
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Konzept in Ausarbeitung - Forscher: "Der Entmenschlichung entgegenwirken"

Salzburg - "Mit persönlicher Zuwendung werden Patienten schneller gesund." Davon ist Felix Unger, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, überzeugt. Doch gerade diese Zuwendung sei in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Um das zu ändern, arbeitet ein Team der Akademie an einem Konzept für ein neues Paradigma der Medizin im 21. Jahrhundert. Am Freitag fand dazu eine Tagung in Salzburg statt.

"Es geht darum, der Entmenschlichung in der Medizin entgegenzuwirken", sagte Klaus Bergdolt vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln bei einem Pressegespräch. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts habe ein sehr naturwissenschaftlich-positivistischer Ansatz geherrscht: Der Mensch sei eine Maschine, meinte der Salzburger Herzchirurg Unger. In der modernen Hochleistungsmedizin sei die Seele des Patienten in Vergessenheit geraten.

Ausbildung

Dieser Ansatz solle vor allem in der Ausbildung der Mediziner berücksichtigt werden: weg vom Befund hin zum lebendigen Menschen. Die Europäische Akademie erarbeite gerade ein neues Ausbildungskonzept für Mediziner, sagte Unger. Ein entsprechendes Papier wolle man bis Mitte 2008 an das Europäische Parlament und die Kommission übermitteln. Ziel sei es, eine europaweit einheitliche Ausbildung für Ärzte zu schaffen und die Studienzeit zu verkürzen.

"Ultramedizin"

Das neue Paradigma der Medizin sieht aber nicht nur mehr Zuwendung zum Patienten vor. Die zweite Säule ist die "Ultramedizin", die neue Möglichkeiten - wie die Behandlung mit Mikrogeräten, Minirobotern oder Sonden oder den Einsatz neuer Pharmaka - ermöglicht. Und die dritte Säule bilde die Gesunderhaltung, erläuterte Unger. Prävention, Hygiene oder Ernährung spielten eine größere Rolle in der Medizin der Zukunft.

Gedanken machen sich die Tagungsteilnehmer auch über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems: Bei aller Notwendigkeit des Sparens dürfe eine Grenze nicht überschritten werden, forderte Bergdolt. Man müsse den Moment erkennen, wo "ethisch gebotenes Sparen in ethisch verwerfliches Sparen" übergehe. Einsparungen dürften nicht zum Schaden des Patienten sein. Angesichts der Probleme im Gesundheitssystem verlangte Unger eine Entpolitisierung der Medizin und klare finanzielle Strukturen. Angesichts der demographischen Entwicklung würden die Ausgaben für die Gesundheit weiter steigen, glaubt Unger. (APA)

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