Karrieristinnen in der Biowissenschaft

3. März 2006, 19:51
1 Posting

Bereits zum achten Mal wurden in Paris, am Sitz der Unesco, fünf Wissenschafterinnen aus fünf Kontinenten für ihre herausragenden Leistungen geehrt

Es müsste mehr Programme im Format von "For Women In Science" geben, ist auch unter Österreichs Forscherinnen zu vernehmen. Nicht allein die doch beträchtlichen Fördermittel und Preisgelder von 100.000 US-Dollar pro Preisträgerin und 20.000 US-Dollar an jede der jährlich 15 Stipendiatinnen stehen im Vordergrund, sondern vielmehr der Wille, die Leistungen von Frauen in der Wissenschaft und die Forscherinnen selbst vor den Vorhang zu stellen. Sichtbarkeit, so nicht vorhanden, könne allzuschnell als diskriminierend aufgenommen werden.

Gut also, dass der weltweit tätige Konzern L'Oréal – selbst mit 55 Prozent Frauenanteil in der Forschung – gemeinsam mit der Unesco ein weltweites Förderprogramm gestartet hat; schade zugleich, dass es seit seiner Einführung im Jahr 1999 noch immer das einzige internationale Forscherinnen- Förderprogramm geblieben ist. Das Ziel ist dasselbe geblieben: Ungeachtet der regional unterschiedlichen Arbeitsbedingungen soll die volle Bandbreite wissenschaftlicher Forschung im Dienste der Menschheit gezeigt und das internationale Forscherinnen- Netzwerk gestärkt werden.

Preisträgerinnen

Die ExpertInnenjury unter dem Vorsitz des Nobelpreisträgers für Medizin 1999, Günter Blobel, und dem Ehrenvorsitz von Christian de Duve, Medizin- Nobelpreisträger aus dem Jahr 1974, hat für 2006 fünf Forscherinnen ermittelt, die vergangenen Donnerstag in Paris für ihre Leistungen geehrt worden sind: Christine Van Broeckhoven (Belgien, Preisträgerin für Europa) erforscht die Molekulargenese von Alzheimer, Esther Orozco (Mexiko, Preisträgerin für Lateinamerika) ist Molekularpathologin und beschäftigt sich mit den Mechanismen und Präventionsmöglichkeiten von Amöbeninfektionen in den Tropen. Habiba Bouhamed Chaabouni (Tunesien, Preisträgerin für Afrika), Humangenetikerin, beschäftigt sich mit der Analyse und Prävention von Erbkrankheiten, die in ihrer Heimat aufgrund von Heiraten unter Blutsverwandten weit verbreitet sind. Die Australierin Jennifer Graves (Preisträgerin für den Pazifischen Raum) trägt mit ihrer vergleichenden Forschung des Genoms australischer Säugetiere zur Aufklärung der Evolution bei. Und Pamela Bjorkman aus Pasadena/Kalifornien (Preisträgerin für Nord Amerika) arbeitet an Fragen des Immunsystems. Sie entdeckte, wie das Immunsystem Ziele entdeckt – eine bedeutsame Erkenntnis für die Bekämpfung von Autoimmunerkrankungen. Zudem wurde anlässlich des 60. Geburtstages der Unesco der Sonderpreis "L'Oréal-Unesco Tribute" – dotiert mit 100.000 US-Dollar – an die deutsche Genetikerin und Nobelpreisträgerin (2003) Christiane Nüsslein-Volhard vergeben, die 2003 eine Stiftung für hochqualifizierte Studentinnen der Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, deren Karrieren durch Kinderbetreuungspflichten sonst gefährdet wären. Auch war zum zweiten Mal eine Stipendiatin aus Österreich unter den Preisträgerinnen.

Hilfe annehmen

Die Biografien der Forscherinnen jedenfalls lesen sich zuweilen abenteuerlich. Jede Einzelne von ihnen betont, dass errungene Leistungen ohne Mithilfe der Familienangehörigen, auch ohne deren Verständnis für die Hingabe, die eine Forscherinnenkarriere grundsätzlich verlangt, nicht möglich gewesen wären und weiterhin auch sind. Esther Orozco: "Hinter einer Wissenschafterin oder einer erfolgreichen Frau werden Sie häufig die Liebe, die Solidarität und die Großzügigkeit anderer Frauen, aber auch Partner finden, die einem das eigene Leben erleichtern und eine Karriere möglich machen." Als Forscherin wie auch als Frau mit dezidierten Karrierezielen und dem Wunsch nach einer eigenen Familie kämpfe man eben an mehreren Fronten – wenn auch immer gern, so der Tenor der Forscherinnen, die sich gern zum "Vorzeigebeispiel" für nachkommende Generationen "machen lassen".

Schließlich, so Christine Van Broeckhoven, eröffne die Sichtbarmachung immer mehr Möglichkeiten für Frauen, Beruf und Privat zu kombinieren – den Partner aber müsse man sich dabei genauer anschauen, sagt sie.

Motivationen und Ideen

Die Entscheidung für eine Karriere in der Biowissenschaft liegt bei den meisten Forschern und Forscherinnen in einem fast kindlichen Wissensdrang begründet. Jennifer Graves: "Ich wollte schon als Kind immer wissen, was passiert, wenn ... Und ich erinnere mich mit großer Freude an die vielen Wissenschaftsspiele und optischen Täuschungen. Ich erinnere mich, dass meine Knie bei wichtigen Fortschritten vor Aufregung zitterten." Andere wiederum sehen ihre Profession ein wenig pragmatischer – Pamela Bjorkman: "Es ist ein Privileg, ein Labor zu haben, dass sich genau den Antworten auf die für mich interessanten Fragen widmet. Ich bin immer wieder begeistert, dass ich dafür bezahlt werde, was ich mit Hingabe tue." Frauenförderung steht bei allen Preisträgerinnen ganz oben auf der Agenda – mit Augenzwinkern bei der eigenen Person, mit Nachdruck für die anderen. Esther Orozco: "Wenn ich auch nur Teilantworten auf meine wissenschaftlichen, aber auch Lebensfragen finde, fühle ich mich lebendig, intelligent und jung – das ist wunderbar! mUnsichtbarkeit in der Wissenschaft ist eine Form der Diskriminierung. Wir müssen Strategien für uns Frauen entwickeln – ohne Bitterkeit gegenüber den Männern oder der Gesellschaft." Schließlich verliere die Menschheit mit dem Fernhalten talentierter Frauen die Hälfte ihres Talents und ein Mehrfaches an Feinfühligkeit und Intuition, so Orozco.

Es sei wichtig, sich Mentorinnen zu suchen, denen man vertraue und die einem konkrete Wege aufzeigen, sich geschickt durch das System zu navigieren, sagt Pamela Bjorkman. Sich ein Projekt zu suchen, das seine Fähigkeiten entsprechend fördere und zeige – auch wenn es nicht das sicherste ist –, ebenfalls. (DER STANDARD, Print, 4./4.3.2006)

  • Preisträgerin für Afrika: Humangenetikerin Habiba Bouhamed Chaabouni mit ihrem Enkelsohn Khaled.
    foto: standard/ l'oréal
    Preisträgerin für Afrika: Humangenetikerin Habiba Bouhamed Chaabouni mit ihrem Enkelsohn Khaled.
Share if you care.