Bist du gelehmt!

9. August 2006, 11:21
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Der Ziegelstein kommt mitunter auch ohne seinen Terrakotta-Teint aus: Das Forschungs- projekt LEHM.konkret tritt den Beweis an

Wenn man Lehmbau hört, dann denkt man unweigerlich an Afrika, an in der Hitze und Trockenheit aufplatzende Risse in den Hauswänden. Lehmbau – das scheint im Allgemeinwissen fest verankert – gehört nicht nach Österreich. Der erste Regenguss kommt bestimmt, und dann zerrinnt das Haus wie eine Sandburg unter der ersten Welle.

Irrtum! "In Mitteleuropa wird seit 7000 Jahren mit Lehm gebaut", erzählt der Lehmbaupionier Roland Meingast. "Lediglich im fortschrittsgläubigen 19. Jahrhunderts war der Lehm der Inbegriff des Rückständigen, daher ist der Lehmbau ein bisschen von der Bildfläche verschwunden." Lehmbaukultur made in Austria – das sieht man am besten im niederösterreichischen Weinviertel, wo bis heute noch tausende Lehmbauten anzutreffen sind.

Doch so richtig ans Tageslicht getreten ist der Lehm in unseren Breitengraden erst wieder in den 80er-Jahren, wenngleich sich die zeitgenössische Architektur mit dem erdigen Massivbaustoff offenkundig noch etwas schwer tut. Und das ist eigentlich schade, denn die Vorteile in puncto Raumklima und Bauökologie sind ja eine altbewährte und historische Erkenntnis des Abendlandes.

Eingestampfter Lehm

Das erste große Lehm-Hallo in der Baubranche galt dem Stampflehm, der – wie der Name schon sagt – zwischen Schalungsplatten eingefüllt und gequetscht wird. "Stampflehm ist bauphysikalisch von großem Nutzen", beteuert der Vorarlberger Keramikkünstler und Bauunternehmer Martin Rauch, "doch von einer günstigen Bauweise kann man angesichts des nötigen Know-hows, der Maschinen und der benötigten Infrastruktur nicht sprechen."

Rauch sieht den Nutzen des symbolträchtigen Stampflehms vielmehr im öffentlichen Bereich und in der Objekt-Architektur. Der jüngste Wurf ist das südtirolerische Hotel Vigilius, wo in jedem Zimmer eine Stampflehmwand für eine behagliche Atmosphäre sorgt.

Doch liegt im kostbaren Handwerk tatsächlich die österreichische Zukunft des Lehmbaus? Weit gefehlt: "Ökologie allein reicht langfristig nicht aus", erklärt Christine Kunze vom Ökobau Cluster Niederösterreich. "Ohne Einbeziehung wirtschaftlicher Aspekte hat der Lehmbau keine Chance."

Damit dieser nicht länger ein Nischenprodukt für eine zahlungsfreudige Klientel bleibt, ist man dem Nutzen des natürlichen Baumaterials umfassend auf den Grund gegangen. Auf Initiative des Ökobau Clusters und in Zusammenarbeit mit der Wienerberger Ziegelindustrie, mit Roland Meingast (natur & lehm), Heribert Hegedys (Haus der Biologie), dem Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie (IBO) sowie mit Architekt Andreas Lang ist das Forschungsprojekt "LEHM.konkret" aus der Taufe gehoben worden. Ziel ist die Verbindung von Tradition mit industrieller Vorfertigung von großformatigen Lehmziegeln.

Jetzt wird geziegelt

Warum kann man nicht einfach ungebrannte Ziegelsteine nehmen und damit ein Haus bauen? Kunze: "Die Grünlinge, wie die ungebrannten Steine genannt werden, sind auf den Brennvorgang ausgerichtet. Bleibt der Stein jedoch ungebrannt, muss ein neues und optimiertes Formdesign entwickelt werden." In Kooperation mit Wienerberger ist dies nun geglückt, und der neue Baustein schlägt den gebrannten Ziegel in vielerlei Punkten: Die Wärmespeicherkapazität übertrifft die eines herkömmlichen Ziegels, die Schallschutzwerte und die Abschirmung gegenüber der Handystrahlung fallen weitaus besser aus. Interessant ist Lehm nicht zuletzt aufgrund seiner Ökobilanz: Der Brennvorgang und damit auch der Verbrauch fossiler Brennstoffe entfallen ja gänzlich.

Gottfried Stimmeder, Produkttechnik-Leiter bei der Wienerberger Ziegelindustrie Österreich, verspricht gegenüber dem STANDARD, dass sich der Preis für den Lehmziegel mit dem des gebrannten Gegenstücks decken werde. Und – womit es nun endlich auch für den Eigenheimbau interessant wird: "Wenn alle noch ausstehenden Prüfungen zur Zufriedenheit ausfallen, könnte sich für nächstes Jahr bereits eine Produktion in Kleinserie ausgehen." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.3.2006)

Informationen

Projektpartner sind:
Ökobau Cluster, Wienerberger, Architekt Andreas Lang, das Österreichische Institut für Baubiologie und –ökologie (IBO), natur & lehm Lehmbaustoffe Gmbh sowie Heribert Hegedys (Haus der Baubiologie).

Ausführendes Bauunternehmen ist Aust-Bau.
  • Alle Bauteile des Lehmziegel-Hauses entsprechen den Anforderungen des Passivhausstandards. Projektstart war im Juli 2004, die Fertigstellung ist für Juli 2006 geplant. (Bild: Der Rohbau von Süden betrachtet)
    foto: aust-bau

    Alle Bauteile des Lehmziegel-Hauses entsprechen den Anforderungen des Passivhausstandards. Projektstart war im Juli 2004, die Fertigstellung ist für Juli 2006 geplant. (Bild: Der Rohbau von Süden betrachtet)

  • Die Bauherren setzen die neu entwickelten Wienerberger Lehmziegel lasttragend im Außen- und Innenwandbereich sowie bei Zwischenwänden ein.
    foto: aust-bau

    Die Bauherren setzen die neu entwickelten Wienerberger Lehmziegel lasttragend im Außen- und Innenwandbereich sowie bei Zwischenwänden ein.

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