Ein Amerikaner träumt den europäischen Traum

27. März 2006, 11:05
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Jeremy Rifkin bringt eine kräftige Brise amerikanischen Optimismus in die EU-Diskussion - Eine Buchbesprechung

In seinem Buch über die europäische Union bringt der US Sachbuchautor Jeremy Rifkin (bekannt unter anderem für "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft") eine kräftige Brise amerikanischen Optimismus in die EU-Diskussion, die, gerade in Österreich, überwiegend von Kritik geprägt ist.

Europa hat die Nase vorn

Von Neoliberalen wird die USA oft als Modell für Europa dargestellt. Dabei, so argumentiert Rifkin, hat Europa in wichtigen Bereichen die Nase vorn: es gibt weniger Ungleichheit bei der Einkommensverteilung, weniger Armut, eine höhere Arbeitsproduktivität pro Stunde, mehr Freizeit, kürzere Arbeitszeiten, eine bessere Gesundheitsversorgung, weniger Kriminalität und weniger überfüllte Gefängnisse sowie eine großzügigere Arbeitslosenversorgung.

Im Kontrast dazu ist der wirtschaftliche Erholungsprozess in den vereinigten Staaten ohne Jobzuwachs von statten gegangen, finanziert "per Kreditkarte" durch eine hohe Einzelverschuldung der US-Bürger. Rifkin warnt die Europäer daher eindringlich davor, amerikanische "Reformen" im Arbeitsmarktbereich zu übernehmen. Stattdessen sollte Europa bemüht sein, seinen "Kapitalismus mit menschlichen Antlitz" konsequent und innovativ weiter zu entwickeln.

Der "amerikanische Traum"

Rifkins zentrale These ist, dass der so genannte "amerikanische Traum", der auf schrankenlosem ökonomische Wachstum und Konsum aufbaut im 21. Jahrhundert nicht mehr tragbar ist. Stattdessen werden europäische Ideen, wie soziale und umweltbezogene Nachhaltigkeit, für das globale Überleben der Menschheit essentiell sein. Im Allgemeinen ist der europäische Politikprozess, der auf Verhandlung und Kompromissfähigkeit aufbaut, ungleich besser geeignet Probleme wie die globale Erwärmung (das Kyoto Protokoll) zu lösen als amerikanische Hegemonialpolitik.

Risikobereitschaft und privates Eigentum

In seinem Buch analysiert Rifkin weiters wie unterschiedlich Begriffe wie Individualismus, Kapital, Risikobereitschaft und privates Eigentum auf den beiden Seiten des Atlantiks interpretiert werden. Insofern argumentiert er, dass es sich bei dem Auseinanderdriften der transatlantischen Partnerschaft um reale Differenzen in der Weltanschauung und nicht um vereinzelte Meinungsverschiedenheiten handelt.

Es überrascht nicht, dass Rifkins Buch durchaus kontrovers aufgenommen wurde. Brüsseler Kreise, in letzter Zeit nicht gerade mit Lob überschüttet, klatschten eifrig Beifall, während neoliberale Magazine wie der "Economist" Rifkins Argumente naturgemäß skeptisch aufnahmen. Für Europäer ist Rifkins Buch lesenswert, weil es eine Ahnung davon vermittelt, wie ein „europäischer Traum“ aussehen könnte. Für Amerikaner vermittelt Rifkin eine Idee was die europäische Union ist und wie sich in Zukunft entwickeln könnte.

Rifkin, Jeremy (2005) Der europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt am Main: Campus. ISBN: 3593374315

Jermey Rifkin referiert beim "Alternativen Ecofin" von 4.-6. April im Wiener Rathaus

Von Daniel Spichtinger

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