Immer wieder, immer wieder – Schnaps

2. November 2006, 18:18
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Auch wenn nicht immer alle Kritiker daran geglaubt haben: Das Gasthaus Seidl in Wien-Erdberg lebt, und es lebt immer noch vom und mit dem Schnaps. Ein Lokal-Augenschein

Franz Seidl bekennt sich zu seinen Schwächen: Er ist Rapid-Fan und er glaubt an die gehobene Schnapskultur. Jetzt schwächelt ja die Form seiner Grün-Weißen mitunter, aber ein Fan ist ein Fan, und der steht zu seiner Mannschaft, auch wenn der Meistertitel heuer wohl nicht mehr drin ist. Aber immer noch sind die Seinen Rekordmeister (oder etwa nicht?) und was heuer nicht ist, kann ja schon nächstes Jahr wieder ganz anders sein.

Beim Schnaps geht es ja nicht so sehr um den Meistertitel, aber ein echter Fan steht zu seinen Lieblingen auch dann, wenn sie nicht all seine Erwartungen erfüllen. So auch Franz Seidl, auf dessen Einladungskarten seit Jahren immer wieder sogenannte Schnapsmenüs aufscheinen. Wohl muss man konstatieren, dass sich die Zahl der edlen Brände im Gasthaus an der Ungerstraße auffallend reduziert hat, aber ein Beweis für Florian Holzers Wahrnehmung, der, wie er in einem Beitrag zum Buch „Grosse Schnäpse“ geschrieben hat, „nicht wenige Wirte kennt, die ihre Edelbrandsammlungen im Wert eines gebrauchten Mittelklassewagens entweder auf den Schwedenplatz zur Labung der dort tafelnden Connaisseure brachten oder das Wiener Kanalnetz damit belasteten“, ist Franz Seidl dann doch nicht.

Aber der Lust seiner Gäste auf den einen oder anderen Apfel- bzw. Birnenbrand hat Seidl doch einen gewissen Riegel vorgeschoben: „Mir wurde es einfach zuviel, ständig die Umterschiede zwischen dieser und jener Sorte, zwischen diesem und jenem Brenner zu erklären.“ Was ja auch nicht wirklich einfach ist aber gefordert wird, wenn die Gäste zwischen fünf oder zehn verschiedenen Bränden aus derselben Sorte auswählen sollen. Also hat der Wirt sein Programm in diesem Segment kräftig reduziert. Standen einst, in der Hochzeit seines Fantums, bis zu 360 mit klaren Wässerchen gefüllte Flaschen im Gasthaus, hat sich das Angebot jetzt doch auf ein überschaubares Angebot von vielleicht noch zwei Dutzend Schnäpsen reduziert.

Dass es heute vor allem Brände aus der Mariazeller Manufaktur von Mathias Pirker sind, hat sich durch die gute Zusammenarbeit des Wirten mit dem Brenner ergeben. Was Franz Seidl vor gut drei Jahren mit seinem damaligen Koch Mario Bernatovic schon glänzend in Szene setzte, hat er am vergangenen Wochenende mit seinem neuen Küchenchef Anton Kotnik auf eine etwas indirektere Art fortgesetzt. Das Menü wurde zwar nicht bei jedem Gang von einem Edelbrand begleitet, aber wer von den Gästen – und dazu muss man auch sagen, dass die gute Stube randvoll war – Sehnsucht oder Lust darauf verspürte, der konnte nehmen, was immer auf dem Schnapswagen durch das Lokal rollte.

Und Anton Kotnik, der junge und allürenfreie Küchenchef beim Seidl, hat hervorragend gekocht: Marinierten Thunfisch mit Currywaffeln-Marillenchutney, ein wunderbar bißfestes und aromatisches Beuschel von der Weidegans, dann Zanderlaibchen mit Linsenpörkölt, gefolgt vom weichen Schmorbraten von der Weidelammkeule mit Maisschmarren und Thymianschalotten. Dazu Weine vom Weingut Schwarzböck und als Süßspeise eine Verrkostung der Mariazeller Lebkuchen. Wer wollte – und es wollten viele – wählte aus dem Schnapsangebot. Vom Apfel- und Birnenbrand über Zwetschke, Weichsel und Marille bis hin zur großen Auswahl an Beerenbränden. Als da waren: Ribisel, Stachelbeere, Brombeere und Himbeere, Vogelbeere und Maulbeere. Lauter Siegerbrände bei den diversen Verkostungen.

All das und dazu noch ein paar Schnäpse vom Hotzy aus Hadersdorf am Kamp gibt es jederzeit beim Seidl. Und immer auch die wirklich formidable Küche von Anton Kotnik. Haubenmenüs zu Beislpreisen, um es mit einem aktuellen Bestseller-Titel zu sagen.

Als Info hier noch ein paar Zeilen aus Falters „Wien, wie es isst“: Traditionelle Wiener Küche, kreativ und leicht verfeinert, Küchenchef Anton Kotnik (Montag bis Freitag ab 11h, MM Euro 6,10/HS Euro 7,- bis Euro 14,-), wöchentlich 3gg M (Euro 19,-); Kinderportionen. Weinwirt des Jahres 1999, rund 500 österreichische Weine und rund 100 verschiedene österreichische Spitzendestillate und Edelbrände; Schnaps- und Weinverkostungen. Also, wie schon gesagt, 100 verschiedene Destillate sind es nicht (mehr), aber was da ist, ist auch noch eine kleine Reise wert.

Von Vene Maier

Brennerei Pirker: Wir sind Schnaps ...

Gasthaus Seidl
Ungargasse 63
1030 Wien
franz.seidl@chello.at
  • Franz Seidl
    foto: vene maier

    Franz Seidl

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