Georges Simenon: "Maigret und die junge Tote"

3. März 2006, 22:13
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Im Wirrwarr der Zufälle, Notate aus dem Alltag der Pariser Kriminalpolizei: Der Täter bleibt eine blasse Randfigur

In schmucklosen Sätzen und scheinbar banalen Dialogen gelebtes Leben vors Auge rufen - diese Kunst dürfte kaum jemand souveräner beherrscht haben als Georges Simenon. Man könnte seine Maigret-Romane, wenn die seit Kurzem im Fernsehen übliche Genrebezeichnung nicht so schaurig klingen würde, literarische "Doku-Soaps" nennen: Notate aus dem Alltag der Pariser Kriminalpolizei.

Wie in anderen Maigret-Romanen werden auch in "Maigret und die junge Tote" ein paar Tage aus dem Leben des Kommissars nacherzählt. Man verliert die wuchtige Persönlichkeit, die an keiner Stelle beschrieben wird, aber aus den Reaktionen der Umgebung sinnlich zusammenwächst, nie aus den Augen, verfolgt sämtliche Rochaden zwischen der Wohnung, dem Tatort, dem Amtssitz am Quai des Orfèvres und den Orten der Recherche in all ihren oft unspektakulären Details und bekommt so ein atmosphärisches Bild vom Leben in Paris geliefert, in dem immer mehr Figuren zu plastischer Deutlichkeit heranwachsen: Der unglückselig-verdruckste Inspektors-Kollege etwa, der die Mädchenleiche findet, den pikanten Fall aber abgeben muss und trotz erstaunlicher Fahndungserfolge abseits der Routine aus seiner Minderwertigkeitsdepression nicht herauskommt. Oder die Dame, die ihre polizeilich nicht gemeldeten jungen Untermieterinnen zu allerlei seelischen Liebesdiensten erpresst. Und natürlich Madame Maigret: Als geduldig im Hintergrund wirkender Schatten des Kriminalisten gewinnt sie menschliches Profil. In den häuslichen Minidramen, die sich zwischen den Eheleuten abspielen, spiegeln sich die Facetten der bürgerlichen Existenz in schönster, mildester Ironie.

In der Mitte des Geschehens aber, zwischen den Figuren, die sich redend profilieren können und für kurze Zeit das Romangeschehen voranbringen, kämpft Maigret um eine Tote, um eine junge Frau, die sich nicht mehr zu Wort melden kann, deren beschädigtes, ärmliches Leben nur in kriminalistischer Detailarbeit und unter wachsender persönlicher Anteilnahme zu rekonstruieren ist. Am Anfang liegt sie in geliehenen, schäbigen Kleidern mit geschwollenem Gesicht auf dem nassen Pflaster der Place Vintimille; am Ende hat sie sich im Kopf des Kommissars zur tragischen Schicksalsfigur entwickelt, deren Präsenz nur noch als erotisch bezeichnet werden kann. Und keine Figur ist weiter von ihr entfernt und gründlicher tot als ihr Mörder. Auf einer der letzten Seiten taucht der Täter zwar noch kurz auf aus dem Wirrwarr der Zufälle, doch er bleibt eine blasse Randfigur, die sofort vergessen wird.

Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen Simenons differenzierten Sozialreportagen und den "Whodunits" der angloamerikanischen Tradition: In klassischen britischen Krimis dreht sich alles um den Täter, das Opfer aber ist nur der Anlass für eine oft öd verkünstelte Revue der Verdächtigen. Simenon dagegen erzeugt ohne schrille Effekte, nur mit dem schlichten Medium des Alltagsdialogs eine humane Spannung, die süchtig macht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von Gottfried Knapp
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