Pilgern nach Schanghai: Die Stones kommen

12. März 2006, 22:34
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Mick Jagger darf nicht alles singen - "Rolling Stone"-Magazin erscheint auf Chinesisch

Shipo Tianjing - so beschreibt ein chinesisches Sprichwort den Zustand, wenn "Himmel und Erde erschüttert sind." Schanghai hat den 8. April zum Tag des "Shipo Tianjing" erklärt. Dann fallen die Rolling Stones auf ihrer Welttournee mit ihrer neuen Platte "A Bigger Bang" auch in Chinas Supermetropole ein.

Die mondäne Schanghaier Welt würde noch stärker erzittern, hätten nicht Moralwächter den "Gunshi", wie die rollenden Steine auf Chinesisch heißen, einen Maulkorb für ihre Uraltsongs verpasst. Die Stones werden einige nicht singen dürfen. "I can't get no satisfaction" oder "Let's spend the night together" fallen darunter, ebenso "Brown Sugar" und "Honky Tonk Woman".

Den Grund teilte das Kulturministerium schon 2003 den Veranstaltern mit, als diese zum ersten Mal mit den Stones nach China kommen wollten. Die Texte seien sexuell anzüglich. Dabei gibt es alle CDs der Stones als Raubkopien in den Musikshops, natürlich mit den inkriminierten Liedern oder als Videoclips.

Doch die Hüter aller Tugenden fürchten öffentliches Ärgernis nicht wegen der Worte. Mick Jaggers aufreizende Posen machen ihnen Angst. Nicht Sex, sondern Sars ließ dann die China-Tournee platzen. Drei Jahre später hat der Ruhm der Stones nicht abgenommen. Und das, obwohl viele Chinesen einst im Internet höhnten, dass sie von ihrer Altersstruktur gut in das damals mit durchschnittlich 60 Jahren verjüngte Zentralkomitee passen würden.

8000 Sitzplätze

Die 8000 Sitze im Altstadt-Stadion "Dawutai" gibt es ab umgerechnet 30 Euro und um 300 Euro in den ersten zehn Reihen. "Kein Problem für unsere Rock-'n'-Roll-Fans", so der Pekinger Musikkritiker Wang Ning. Die Pekinger würden nach Schanghai pilgern.

Das glaubt auch Hao Ming, Star bei MTV, der nach einem Jahr Vorbereitung in der kommenden Woche das erste chinesische Rolling Stone-Magazin auf den Markt bringt. Vom Titelblatt blickt Chinas Altrocker Cui Jian, in Andy-Warhol-Art verfremdet. Es sei "totaler Zufall", dass das Heft und die Stones fast gleichzeitig in China ins Rennen gehen, sagt der 42-Jährige. Aber es sei Grund genug, mit einer Auflage von 120.000 zu starten.

So allmählich - gewissermaßen Stone um Stone - rockt sich auch Schanghai in der Szene hoch. Udo Lindenberg, Elton John und "Deep Purple" waren schon da. Im August soll "U2" kommen, tuscheln Pekinger Fans - "Das wird noch toller." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Johnny Erling
aus Peking
  • Für das neue, chinesische "Rolling Stone"- 
Magazin, das angeblich zufällig zum "Rolling Stones"- 
Konzert am 
8. April in Schanghai erscheint, wird in Peking schon eifrig geworben.
    foto: johnny erling

    Für das neue, chinesische "Rolling Stone"- Magazin, das angeblich zufällig zum "Rolling Stones"- Konzert am 8. April in Schanghai erscheint, wird in Peking schon eifrig geworben.

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