"The Wild Bunch"

2. März 2006, 20:21
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Ein Prüfstein: Sam Peckinpahs Spätwestern von 1969, ein Brocken, ein Opus magnum, ein Denkmal für sich und das Genre

Sam Peckinpahs "The Wild Bunch" - seit 1969 der Spätwestern überhaupt - war mir immer ein Prüfstein gewesen.

Früher suchte ich, kaum hatte ich "eine neue Frau" kennen gelernt, gleich nach einem Film, den wir gemeinsam sehen könnten. Es war immer ein Film, der mir längst vertraut war und mir Beweise liefern sollte, ob Sie, der er neu war, "die nötigen Voraussetzungen" mitbrächte, mich auch im Leben nach dem Kino zu verstehen. Oder es gäbe eben kein Leben nach dem Kino. Denn insgeheim waren ich und der Film, in den ich sie führte, identisch.

Wer Fords "The Long Voyage Home", Dreyers "Ordet", Melvilles "Le Silence de la Mer", Tarkowskijs "Andrej Rubljow" oder Sam Peckinpahs "The Wild Bunch" sieht: steigt entweder nach zehn Minuten aus - oder wird im Dunkeln bekehrt.

Bekehrt?

Erschlagen wäre, im Fall von "The Wild Bunch", das bessere Wort. Der Film ist ein Brocken, das Opus magnum, das Sam Peckinpah hinterlassen, das Denkmal, das er sich selbst und dem Mythos Western gesetzt hat.

Ist es nicht unser heimlicher Wunsch, vom Film, dem wir wertvolle Zeit widmen, nicht mehr "nur unterhalten", sondern endlich erschlagen zu werden? Umgeformt. Damit danach "alles anders" sei, man sich völlig zersprengt erst wieder zusammenlesen, nach dem Kino neu finden müsste? Ich frage ja nur.

"The Wild Bunch" - im wiederhergestellten 145-minütigen Director's Cut - hat eine Antwort darauf. "Wir träumen alle davon, wieder Kind zu sein. Selbst die Schlimmsten von uns. Die am meisten vielleicht", sagt der alte Dorfhäuptling zu Bishop (Holden) und Dutch (Borgnine), als sie und die "Bunch" sich ein paar Stunden ausruhen bei ihm.

Der Wunschtraum, den der Alte da anspricht, birgt größte Gefahr: Letztlich verlangt er den Rückzug, totale Regression. Odin jagt mit "wilder Horde" vorbei - und jeder, der hinsieht, wird mitgerissen. Über den Abgrund hinaus geht die Jagd, in ihn hinab. Es ist das Ende - eingeleitet von Holdens letztem "Let's go!" -, über das sich Peckinpah keinerlei Illusionen zu machen glaubt.

Nicht dass es sich in den Nischen des Films, lange vorm Abgrund, nicht immer wieder lagern ließe. Als ich "The Wild Bunch" vor Kurzem wiedersah, war mir nach einem Film mit langen Lagerfeuerszenen zumute gewesen. Ich wollte einen Film, der's mir erlauben würde, eine Zeit lang darin zu leben, an seinem Feuer zu dauern. Wollte die Ruhe vor dem Sturm - denn der käme gewiss. Wollte William Holden - der schnurrbärtig "Peckinpah spielt", seine "Bunch" in US-Soldaten-Uniform ein letztes Mal anherrschen hören: We gotta start thinking beyond our guns! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von Patrick Roth
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