Erich Kästner: "Pünktchen und Anton"

2. März 2006, 21:10
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Ein Kinderroman als mit Verve und Leichtigkeit hingetuschte Utopie - die Nazis hassten sie

Dass die Nazis Erich Kästner hassten, seine Bücher zu jenen gehörten, die unter dem Johlen ihrer Büttel öffentlich verbrannt wurden, leuchtet einem spontan unter der Lektüre von "Pünktchen und Anton" ein. Es ist dies einer der bekanntesten und schönsten seiner "Romane für Kinder", eine mit Verve und Leichtigkeit hingetuschte Utopie, die eine zutiefst humanistische Moral im Schilde führt, die von den Zeitläufen, in denen sie entstand, brutal widerlegt werden sollte.

Die "Volksgemeinschaft", die den Nazis vorschwebte, gründete nicht in der Vorstellung, dass Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige desselben Menschenrechts teilhaftig seien, sondern suchte diese Gegensätze in einem gesellschaftlichen System still zu legen, in dem die oben und die unten durch Befehl und Gehorsam, durch Terror und Angst, Willkür und Anpassung zwangsvereint waren. Das andere, was die Nazis an Kästners Büchern hassten, war, dass ihre Handlung nicht in einer verlogenen Märchenwelt oder in dörflicher Idyllik à la Kaulbach angesiedelt war, sondern im Hier und Jetzt, in der Gegenwart, in der Großstadt, in Berlin.

Das war ihnen als Asphaltliteratur umso mehr verhasst, als es Kästner verstand, den Ort seiner Handlung mit einem kindlichen Verständnis begreiflichen Expressionismus zu schildern: "Kennt ihr die Weidendammer Brücke? Kennt ihr sie am Abend, wenn unterm dunklen Himmel ringsum die Lichtreklamen schimmern? Die Fassaden der Komischen Oper und des Admiralspalasts sind mit hellen Schaukästen und bunter Leuchtschrift bestreut. An einem anderen Giebel, jenseits der Spree, zappelt in tausend Glühbirnen die Reklame für ein bekanntes Waschmittel, man sieht einen riesigen Kessel, der Wasserdampf steigt empor, ein blütenweißes Hemd erhebt sich wie ein freundlicher Geist, eine ganze bunte Bilderserie läuft ab." Nicht die dampfende Scholle, die rauschenden Wälder, sondern die elektrisch zuckende Vitalität der modernen Zivilisation liefern bei Kästner die Kulisse der Handlung.

Eben diese radikale, schnörkellose Zeitlichkeit ist ein Geheimnis des anhaltenden Erfolgs von "Pünktchen und Anton". Was ist aber dann das Märchen, der dieses Buch zu einem Kinderroman macht? Kästners Geheimnis ist, dass er seine kindlichen Protagonisten ernst nimmt, dass er als Erzähler in sie hineinschlüpft, sie nicht als Marionetten behandelt.

Der Erzähler schaltet sich erst am Ende eines Kapitels mit einer Nachdenkerei ein, in der die Moral der jeweiligen Episode als Lebertran mit Orangengeschmack löffelchenweise verabreicht wird. Das mutet zwar an wie altmodische Zeigefingerpädagogik, ist aber in seiner Wirkung nicht zu übertreffen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von Johannes Willms
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