Stolen Sisters: Gewalt gegen indigene Frauen

2. März 2006, 18:36
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Was anmutet wie ein Schauermärchen aus der "dritten Welt" passiert auch in Kanada - Arbeitskreis initiiert Protestbriefaktion

Mehr als 500 indianische Frauen verschwanden in den letzten 20 Jahren in Kanada, die Dunkelziffer ist weit höher. Was anmutet wie ein Schauermärchen aus der "dritten Welt" passiert auch in Kanada, einem reichen, demokratischen Land, welches ein funktionierendes Polizei- und Justizsystem besitzt. In der Öffentlichkeit bekannter sind die Frauenmorde in Mexiko (Ciudad Juarez), wo seit Jahren junge indigene Frauen verschwinden oder ermordet werden - allein letztes Jahr wurden 166 Leichen gefunden. Auch in Guatemala ist Frauenmord keine Seltenheit, ebenso wie in Mexiko versinken Polizei und Behörden in einem Sumpf von Korruption, Unfähigkeit und Desinteresse, Aufklärungsquote gleich null.

Doppelte Diskriminierung von Indianerinnen

Im März 2004 initiierte die Native Women's Association of Canada (NWAC) die "Sisters in Spirit" - Kampagne, mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die doppelte Diskriminierung von Indianerinnen (als Frauen und als Indigene) zu lenken und die Politik zum Handeln zu bewegen. NWAC wurde 1974 als Zusammenschluss zahlreicher indigener Frauenorganisationen gegründet, die Regionalgruppen in allen Landesteilen unterhalten. Amnesty International veröffentlichte im Oktober 2004 den Bericht "Stolen Sisters: A Human Rights Response to Discrimination and Violence Against Indigenous Women in Canada". Ein Jahr nach Veröffentlichung hat sich an der Situation der indigenen Frauen nichts geändert. Allein in British Columbia sind derzeit 33 Frauen offiziell als vermisst gemeldet, nur eine einzige davon nicht indigener Herkunft.

Highway of Tears

Das jüngste Opfer dieser langen Serie von Gewalt gegen indigene Frauen ist Tamara Chipman, eine 22-jährige Salish-Indianerin. Seit 21. November 2005 fehlt von ihr jede Spur. Zuletzt wurde sie in Prince Rupert gesehen, wo der Vater ihres kleinen Sohnes lebt. Auf dem Highway 16 wollte sie in den ca. 130 km entfernten Ort Terrace trampen, wo sich ihr Sohn in Obhut ihrer Familie befand. Sie ist dort nie angekommen. Obwohl ihr Sohn noch kaum laufen kann, hielt sie sich häufig in den diversen Kneipen der Küstenstadt auf, ein Grund weshalb ihr Verschwinden erst zwei Wochen später offiziell gemeldet wurde. Ohne Erfolg suchten Polizei, FreundInnen und Verwandte jeden Abschnitt des Highways ab. In der Zwischenzeit hat der Highway 16, der sich von Prince Rupert ins Landesinnere zieht, als "Highway of Tears" traurige Berühmtheit erlangt.

Weniger Wert als Männer

Die Ergebnisse einer UN-Studie mit dem Titel "Women in an Insecure World" (September 2005, beauftragt von Geneva Centre for the Democratic Control of Armed Forces) verdeutlichen die Situation der Frauen - systematische Diskriminierung und katastrophale Lebensbedingungen. Sie fallen nicht nur Konflikten und Kriegen zum Opfer, sondern der alltäglichen Gewalt in der Gesellschaft. Die Ursachen auf den Kern reduziert: Frauen und Mädchen gelten als weniger wert als Männer. Weltweit wird jede sechste Frau Opfer einer versuchten oder tatsächlichen Vergewaltigung (in Mexiko 42 Prozent!), zudem werden jedes Jahr zwischen 700.000 und zwei Millionen Frauen und Mädchen in die Prostitution gezwungen. Selbst in Österreich wurden 2004 bundesweit 6.887 Betroffene von entsprechenden Interventionsstellen betreut, Schätzungen zufolge ist etwa jede fünfte Frau gewaltsamen Übergriffen von männlichen Familienmitgliedern ausgesetzt.

Negative Ausnahme in Kanada

Seit 1979 haben 180 Staaten die UN-Konvention zur Abschaffung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen durch ihre Unterschrift angenommen; Kanada - obwohl es sich auf internationaler Ebene als Vorreiter der Menschenrechte sieht - hat diese bis heute nicht unterzeichnet. Diese UN-Konvention definiert Gewalt gegen Frauen u.a. als Manifestation einer historisch ungleichen Machtverteilung zwischen Männern und Frauen. Hier kommt Kanadas Erbe der Kolonialisierung zu tragen, das den indigenen Gesellschaften ein System der Frauendiskriminierung aufzwang, welches diesen bis dahin fremd war. In den indigenen Kulturen gab es - obwohl die Rollen und Aufgaben verschieden zugewiesen waren - kein Konzept der Minderwertigkeit der Frauen. In vielen indigenen Gesellschaften hatte die Frau eine besondere Rolle als Hüterin der Kultur, bei den Mohawk beispielsweise stellten zwar die Männer die Chiefs, jedoch wurden diese von Frauen ausgewählt und kontrolliert, darüber hinaus nahmen Frauen gleichberechtigt an Spielen, Zeremonien oder politischen Entscheidungen teil. Durch das Vordringen der Weißen wurde das System des indigenen Gleichgewichts der Geschlechter systematisch zerstört und diesen Veränderungen folgend übernahmen die indianischen Männer das Konzept der Überlegenheit. Die Probleme und die Gewalt, mit denen die Indigenen in und außerhalb der Reservate zu kämpfen haben, begründen sich in dem kanadischen System, welches den Indigenen das Land geraubt hat, das ihnen ein autonomes Überleben sichern würde und in der Zerstörung von Würde und Identität.

Instrument der Diskriminierung

Wie können indigene Frauen den gebührenden Respekt in der Gesellschaft erfahren, wenn nicht einmal das Gesetz ihre Rechte achtet? Der "Indian Act", der die indigenen Frauen in Kanada ihres Status beraubte, sofern sie den "falschen" Mann heirateten, war lange Zeit Instrument der Diskriminierung von Frauen. Erst 1985 konnte eine Ergänzung, die das Gesetz zum Teil revidiert, durchgesetzt werden. Demnach konnten die Frauen ihren Status, den sie aufgrund der vorherigen Gesetzgebung verloren hatten, wieder erlangen, nicht jedoch ihre Kinder. Mit diesem Gesetz, welches bis heute gültig ist, wird die Diskriminierung fortgesetzt. Die meisten der indigenen Frauen, die in jüngster Zeit ermordet wurden, hatten Alkohol- oder Drogenprobleme, manche verdienten ihr Geld mit Prostitution. In den meisten Fällen blieb die Polizei untätig, indem sie auf den Lebenswandel der Frauen verwies: Drogenabhängige und Prostituierte indigener Abstammung waren ihnen keinen besonderen Einsatz wert. Klagen wurden nicht erhoben, Untersuchungen nicht eingeleitet mit dem Argument, es habe sich ohnehin nur um eine Prostituierte gehandelt, eine Trinkerin und vor allem "nur" um eine Indianerin.

Indigene Frauen scheinen ein perfektes Opfer, denn die Gesellschaft hat zu lange zu den "Stolen Sisters" geschwiegen. Die tragischen Fälle der vermissten oder ermordeten Frauen sind kein dunkles Kapitel einer traurigen Vergangenheit, sondern erschreckende Gegenwart.

Protestbriefaktion

Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas (AKIN) nimmt den Internationalen Tag der Frau am 8. März zum Anlass, die Aufmerksamkeit der ÖsterreicherInnen auf die Problematik der verschwundenen Frauen in Kanada zu lenken. Mit einer Protestbriefaktion soll der internationale Druck auf Kanada, im Fall der "Stolen Sisters" Handlungen zu setzen, erhöht werden.

Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas besteht seit über 20 Jahren in Wien, seit 2004 als eigener Verein. (red)

Link

Arbeitskreis Indianer Nordamerikas
Menschenrechtsarbeit für Indigene in Nordamerika
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