Tanz der Körper und Ideologien

9. März 2006, 13:17
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Das Szene Bunte Wähne Tanzfestival für Kinder und Jugendliche setzt politische Zeichen

Wien – Bereits zum neunten Mal findet in Wien – noch bis kommenden Sonntag – das Internationale Szene Bunte Wähne Tanzfestival für junges Publikum statt. An elf Tagen sind im Dschungel Wien, im WUK, im Freiraum des Museumsquartiers und in der Bücherei Philadelphiabrücke 17 Produktionen für Kinder und Jugendliche aus dem In- und Ausland zu sehen.

Tanz ist noch immer kein reguläres Unterrichtsfach an den heimischen Schulen wie etwa Musik, Literatur oder bildende Kunst. Ein Versäumnis, da diese Kunstform sowohl zeitgemäßes Körperbewusstsein als auch soziale Kompetenz vermittelt, das Verständnis von Geschlechterrollen erweitert und ganz selbstverständlich interkulturelle Ansätze verfolgt. Das Tanzfestival Szene Bunte Wähne gehört schon allein deswegen zu den wichtigsten Präsentationsformaten der Sparte in Österreich. Gute Beispiele dafür waren bisher zwei Stücke, die für Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr gedacht sind: Brief in einer Choreografie von Yves Thuwis und LaLa#3: Coco Motel der belgischen Nachwuchskünstlerinnen Laure Dever und Laura Vanborm.

Ihre Arbeit kommt mit der Coolness kluger Girls daher. Zwei junge Frauen, die als Heldinnen wie aus einem Manga zwischen Liveperformance und Video zappen, liefern einander eine akrobatische Verfolgungsjagd. LaLa#3: Coco Motel ist ein humorvolles, sehr professionelles Kleinformat des Genter Performancelabors Victoria, in dem entspannt über Identität und Selbstdarstellung verhandelt wird.

Brief, eine Koproduktion von Kopergietry aus Gent, Jes Stuttgart, Dschungel Wien und dem Zürcher Theaterhaus Gessnerallee brachte 19 Jugendliche aus vier Ländern dazu, sich mit aktuellen politischen Themen auseinander zu setzen. Das Ergebnis ist eine schlüssig strukturierte Arbeit, in der künstlerische Mittel aus dem Kanon der‑ Gegenwartschoreografie treffsicher eingesetzt sind. Schlüsseldiskurse wie jene um den Körper als Ideologieträger und – Zitat: "Scheißkapitalismus!" – um die Oberflächlichkeit des neoliberalen Spektakels finden sich in Brief ebenso wie eine Abrechnung mit Kriegstreiberei und rattenfängerischen politischen Praktiken.

Die Jugendlichen greifen allgegenwärtige Themen auf und machen ihr Stück zu einem politischen Tanz ohne‑ didaktische Anmaßung, der trotz aller Ernsthaftigkeit mit Witz und Distanz vorgestellt wird. Und sie bieten etwas an, das ihren erwachsenen Vorkämpfern oft fehlt: unprätentiöse Ehrlichkeit. Der Lohn war begeisterter Applaus im ausverkauften WUK-Saal.

Das Tanzfestival bietet Performances für Kinder ab eineinhalb Jahren an. Wünschenswert wäre freilich ein höherer Anteil an internationalen Produktionen, um dem jungen Publikum mehr Begegnungen mit ost- oder außereuropäischen Kulturen zu ermöglichen. Ein größeres Vermittlungsangebot könnte tiefer gehende Informationen über den Tanz bieten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Von Helmut Ploebst

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sbw.at

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