"Wir sind okkupiert von Serbien"

14. März 2006, 19:43
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Kosovos neuer Präsident, Fatmir Sejdiu, im STANDARD-Interview: "Werde bald die Unabhängigkeit unterschreiben"

STANDARD: Wann werden Sie zu den Statusverhandlungen nach Wien kommen?

Sejdiu: Ich glaube, ich komme dann, wenn ich die Unabhängigkeit des Kosovo unterschreiben muss. Und das wird sehr bald sein.

STANDARD: Sehen Sie eine Annäherung zwischen den Delegationen aus Belgrad und Pristina hinsichtlich der Statusfrage?

Sejdiu: Unser Vorschlag ist seriös: Wir wollen einen Kosovo für alle Bürger, für Albaner, Serben und alle anderen. Aber wenn wir Belgrad gefragt hätten, hätte die internationale Gemeinschaft nicht im Kosovo interveniert und alles wäre anders verlaufen. Wenn wir Belgrad gefragt hätten, hätte kein einziger Albaner mehr hier im Kosovo gelebt.

STANDARD: Halten Sie es für realistisch, dass Belgrad ein Statusabkommen unterschreibt?

Sejdiu: Wir sehen, dass der Prozess vorwärts geht, damit die internationale Gemeinschaft selbstbewusst entscheiden kann. Nun hat Belgrad gesagt: Wenn die Albaner die Unabhängigkeit des Kosovo durchsetzen, dann werden wir den Kosovo als unser okkupiertes Territorium bezeichnen. Das heißt, dass sie einen Krieg gegen die internationale Gemeinschaft erklären. Realpolitisch gesehen, war der Kosovo nie ein Teil Serbiens. Wir sind okkupiert von Serbien.

STANDARD: Wird der UN-Sicherheitsrat also den Status Serbien aufzwingen?

Sejdiu: Der UN-Sicherheitsrat wird unabhängig vom Druck aus Serbien und von unserer Seite entscheiden. Aber er sollte den Wunsch der Bevölkerung in Betracht ziehen. Niemand kann gegen den Wunsch der Bevölkerung sein. Und die einfachen Leute in Serbien wissen das auch genau. Wir hatten ja bereits ein Referendum, die Bevölkerung hat ja schon für die Unabhängigkeit gestimmt. Und es gibt einen vollen Konsens: Alle Parteien, die hier im Parlament sind, außer die Serben sind für die Unabhängigkeit. Die anderen Minderheiten haben die Unabhängigkeit schon akzeptiert. Und ich bezeichne das als Wunsch der gesamten Bevölkerung.

STANDARD: Haben Sie von der Kontaktgruppe oder von den Vetomächten im UN-Sicherheitsrat das Signal bekommen, dass eine bedingte Unabhängigkeit bereits beschlossen ist?

Sejdiu: Ich kann nicht bestätigen, dass die internationale Gemeinschaft das offiziell gesagt hat. Aber im Sicherheitsrat wurde diskutiert, dass die Unabhängigkeit eine mögliche Lösung sein wird. Denn es gibt entweder Unabhängigkeit oder gar keine Unabhängigkeit.

STANDARD: Sie werden eine bedingte Unabhängigkeit nicht unterschreiben?

Sejdiu: Alle anderen Varianten als Unabhängigkeit sind keine Unabhängigkeit. Ich beschäftige mich nicht mit Unterschreiben oder Nichtunterschreiben, die Serben beschäftigen sich mehr damit.

STANDARD: Wird das Referendum in Montenegro einen Einfluss auf die Kosovo-Verhandlungen haben?

Sejdiu: Wir können nicht die Lage im Kosovo mit der von Serbien-Montenegro vergleichen. Denn von der ethnischen Gruppe her, sind sie Brüder. Wir haben unseren Weg schon gewählt und wir können das Glück oder Unglück von anderen nicht in unser Land holen. (DER STANDARD, Print, 3.3.3006)

Das Gespräch führte Adelheid Wölfl.

Zur Person

Fatmir Sejdiu (54) folgte im Februar dem verstorbenen Präsidenten Ibrahim Rugova nach. Der Politiker der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) ist verheiratet und hat drei Söhne.

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