Distanzierter Alltag, komplex

3. März 2006, 21:37
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Der Wiener Essayist Franz Schuh im STANDARD-Interview über sein Buch "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche"

Der Wiener Essayist Franz Schuh veröffentlicht in diesen Tagen sein neues Buch "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche", eine Sammlung von Essays, Feuilletons, Skizzen und Gedichten. Christoph Leitgeb traf den Autor zu einem Gespräch.


STANDARD: Robert Musil nannte eine Textsammlung, in der er das Typische für sich und seine Zeit repräsentiert sah, Nachlass zu Lebzeiten. Ihr Buch heißt Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche: Der Titel verspricht vordergründig den Skandal. Widerspricht das nicht einer Suche nach Distanz, die sich vor dem Schein des "Authentischen" hütet?

Franz Schuh: Der Titel ist eine absichtliche Parodie: einerseits auf die polemischen Talente in unserem Land, anderseits auf die Erwartungen des Kulturbetriebs. Ich muss zugeben, zu den schriftlichen Dingen, die mich ungeheuer beeindruckt haben, gehört eine Ausgabe der Zeitschrift Super Illu vor vielen Jahren. Die Zeitschrift bestand ausschließlich aus Darstellungen, wer in Deutschland wen hasst. Seitdem habe ich zur Polemik andere Meinungen als früher.

STANDARD: Sie distanzieren sich vom Titel Ihres Buches?

Schuh: Also ich finde den Titel grandios gewählt ...

STANDARD: An einer Stelle des Buchs wünschen Sie sich von einem Interviewer Fragen, die der Kürze und dem Versuchscharakter der Texte nicht mit der Sehnsucht nach dem formal einheitlichen, "großen Werk" begegnen. Warum dieser Rechtfertigungsdruck für die "kleine" Form?

Schuh: Dass hier kein so genanntes "großes Werk" vorliegt, hat damit zu tun, dass ich keines zusammenbringe. Und aus der Tatsache, dass ich keines zusammenbringe, versuche ich selbstverständlich in den Selbstkommentierungen eine Theorie zu machen. Mehr als die Hoffnung, dass das in der Art der Selbstkommentierung durchscheint, dass hier ein Mangel zur Substanz gemacht wird, habe ich nicht. Und dann gibt es natürlich, im deutschsprachigen Raum sehr gut zu beobachten, einen starken Druck der Kritik in Bezug auf das, was zum‑ Kanon gehört oder was nicht. Zum Kanon gehört, was eine bestimmte Gruppe von Menschen, die das Glück haben, den kritischen Beruf ausüben zu können, für verständlich erachtet.

STANDARD: Woran bemerken Sie, dass einer Ihrer Texte fertig ist?

Schuh: Diese Texte sind nie fertig. Es ist sozusagen das Wesen meiner Art der Beschäftigung mit diesen Themen. Irgendwann werden dieselben Themen noch einmal fortgesponnen und in einen anderen assoziativen Rahmen gegeben. Das ist eigentlich das Schönste an dem Beruf, dass man nichts aufgeben muss. Aber es ist ein ständiges Nachdenken, durch das es möglich ist, dass das Leben draußen vorbeistreicht – während innen was los ist, nicht?

STANDARD: "Das Wichtigste‑ in meinem Leben ist Wien", schreiben Sie, "und wenn man Mozart nicht mag, dann bleibt immer noch Freud." Trifft sie das Jubiläumsjahr existenziell, und das gleich doppelt?

Schuh: Ich kann es nicht leugnen, dass dieser Satz über Wien, was mich betrifft, wahr ist. Zugleich ist er natürlich dort, wo er im Buch vorkommt, ein Spiel mit dem Superlativ.‑ Es ist so ein Wunsch, den viele Leute haben, eine Bindung nur im Superlativ zu suchen. Und in diesem Superlativ ist Wien das Wichtigste in meinem Leben, obwohl das einen zutiefst idiotischen Satz ergibt. Aber an solchen Sätzen habe ich Freude und zu solchen Sätzen habe ich auch Distanz.

STANDARD: Wie wichtig ist es‑ Ihnen, schlagfertig, pointiert zu sein? – Sie setzen meist nicht nur die Pointe am Schluss, sondern in jedem Absatz ein paar. Die Zuspitzungen werden gleichsam zerstreut ...

Schuh: Wenn ich das als eine freundliche Frage nehme, würde ich erfreut sagen, Sie haben gesehen, dass ein Essayist ein schlechter Kabarettist ist. Und je schlechter er als Kabarettist ist, umso mehr kann er das fragmentarisch Essayistische, diesen Versuchscharakter. Mich treibt auch der Witz um seiner selbst willen. Es ist ja nicht nur so, dass man schreibt, wie man ist, sondern man schreibt auch so, wie man sein möchte, und so, wie man gerne ist. Also ich bin nicht gerne ein Philosoph. Und da ich eh keiner bin, bin ich ganz gerne ein Essayist.

STANDARD: Hier zu Lande herrscht eine Koketterie des schlagfertigen Sagers, der lapidaren Kürze. Hermann Maier ist Kult. Sie gehen im Buch den umgekehrten Weg und lassen Alltagsphänomene wie die Dumpfheit oder das Raunzen als intellektuell komplizierte Materie erscheinen. Ist das nicht auch kokett?

Schuh: Für mich ist es überhaupt eine Koketterie, dass jemand, oder sagen wir – dass ich – in der Öffentlichkeit auftrete. Das ist schon per se eine Koketterie, denn Öffentlichkeit ist immer ein Spiegel.

Außerdem ist es halt leider so: Ich halte die Alltäglichkeit für das Komplexe schlechthin. Ich habe jüngst eine Sendung gesehen, in der der Kunsthistoriker Bazon Brock vollkommen außer Rand und Band geriet und brüllte: "Das Wichtige ist die Normalität! Sie" – und er meinte irgendwelche anderen, die da mit ihm diskutieren – "Sie sind noch auf die Ausnahmezustände fixiert! Aber wir" – sagte er von sich – "die besser ausgebildet sind, wir finden, es geht um die Normalität. Die müssen wir verstehen und ertragen lernen!" – Der Ausdruck "Normalität" ist für mich ein Horror, also ich würde sagen: "Alltag".

In der Auseinandersetzung zwischen Alltag und Ausnahmezustand bin ich absolut überzeugt von der größeren Komplexität des Alltäglichen – im Unterschied zu den Ausnahmezuständen, die sich die Alltagsmenschen leisten: Burg und Oper.

STANDARD: Jacques Lacan hat Ihnen eine Postkarte geschickt mit dem Diktum "Le Beisl, ça n'existe pas". Ihr Text über das Wiener Beisl stellt außerdem fest, dass die Beisln damals – und vielleicht heute noch – die "wirklichen Universitäten der Stadt" seien ...

Schuh: Davon bin ich überzeugt ...

STANDARD: Was halten Sie davon, ein real existierendes Elitebeisl zu gründen?

Schuh: Das ist genauso, als würden Sie mich jetzt fragen, ob es katholische Philosophie gibt. Das Beisl ist per se elitenneutral. Weil sowohl die "Eliten" als auch die, die sich dafür halten, als auch die, die als Elite beschrieben werden, dort Umgang haben. Dann aber vor allem auch die, welche kein Mensch für Elite hält und die sich auch selbst nicht für Elite halten.

Wenn diese utopische Beschwörung der in meinem Text zugleich bezweifelten Existenz des Beisls überhaupt einen Sinn hat, dann eben den: Wer das Elitebeisl fordert, ist die einzige Person, die man aus dem Beisl weisen muss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2006)

Franz Schuh: "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche". Paul Zsolnay Verlag. Wien 2006. (415 Seiten)

Franz Schuh liest am Montag, den 6. 3. um 19.00 Uhr in der Alten Schmiede, 1., Schönlaterngasse 9, aus seinem neuen Buch.

Eine Rezension des Buches lesen Sie am Samstag im ALBUM.

  • Franz Schuh, 
1947 in Wien geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik, Dr. phil, 1976-1980 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, dann Redakteur des Wespennestes und Leiter des literarischen Programms des Deuticke Verlags. Heute arbeitet er als freier Autor, unterrichtet an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und schreibt regelmäßig für Die Zeit und Literaturen. Bücher: "Das Widersetzliche der Literatur. Kritische Kritiken" (1981), "Liebe, Macht und Heiterkeit. Essays" (1985), "Der Stadtrat. Eine Idylle" (1995), "Schreibkräfte" (2000). (cia)
    foto: standard/corn

    Franz Schuh, 1947 in Wien geboren, studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik, Dr. phil, 1976-1980 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung, dann Redakteur des Wespennestes und Leiter des literarischen Programms des Deuticke Verlags. Heute arbeitet er als freier Autor, unterrichtet an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und schreibt regelmäßig für Die Zeit und Literaturen. Bücher: "Das Widersetzliche der Literatur. Kritische Kritiken" (1981), "Liebe, Macht und Heiterkeit. Essays" (1985), "Der Stadtrat. Eine Idylle" (1995), "Schreibkräfte" (2000). (cia)

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